Ein tschechischer Film in Sopot

„Czeski film“ (tschechischer Film), das ist im Polnischen ein Ausdruck für etwas Unverständliches und Merkwürdiges. Es wäre nicht schwer, sich vorzustellen, daß er entstand, als in den späteren Sechzigern das Kinopublikum im konservativen Polen mit den Werken der tschechoslowakischen nová vlna (neuen Welle), vielleicht Věra Chytilovás großartigen „Sedmikrásky“ (Gänseblümchen), konfrontiert wurde. Tatsächlich ist er etwas älter und entstand durch den Film „Nikdo nic neví“ (Niemand weiß etwas) von 1947. Wie beliebt diese Slapstickkomödie um die Bemühungen zweier Straßenbahner, im besetzten Prag einen scheinbar toten sudetendeutschen SA-Mann loszuwerden, in den anderen jungen Volksdemokratien war, mag man schon daran erkennen, daß gegenwärtig bei YouTube nur die polnische und die ungarische Fassung, nicht aber das Original zu finden sind. Aus dem polnischen Titel „Nikt nic nie wie“ entstand die Wendung „To jak czeski film – nikt nic nie wie“ (Das ist wie der tschechische Film – niemand weiß etwas), wovon meist bloß noch „czeski film“ bleibt. Noch immer ist der Ausdruck vielleicht nicht allzu gebräuchlich, aber gewiß bekannt.

Was lag also näher, als ein tschechisches Restaurant so zu benennen und um der Exotik willen gleich tschechisch geschrieben: „Český Film“? Ein solches Restaurant gibt es in Sopot und es hatte das Glück, ein dem Namen angemessenes Gebäude zu finden. Beim Ende der Fußgängerzone Bohaterów Monte Cassino (Straße der Helden von Monte Cassino) steht kurz vor den Gleisen ein Eckbau: verglastes Erdgeschoß, deutlich überstehendes hohes Obergeschoß mit unmerklich zur Straße ansteigendem Pultdach, weißem Putz und weit oben einem Band schmaler horizontaler Fenster in vorgesetzten Rahmen. So wie unten das Glas die Ecke umläuft, tut es oben eines der Fenster.

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Angesichts des weitgehend öffnungslosen Baukörpers kann man sich gut vorstellen, daß es sich um ein ehemaliges Kino handelt. Wenn man dazu auf dem weißen Putz in schwarzen Buchstaben „ČESKÝ ° FILM“ liest, beginnt die Architektur sogar an die tschechoslowakischen dreißiger Jahre zu erinnern.

So fremd und neu wie ein Werk des Brnoer Funktionalismus steht das Kino zwischen den kaiserzeitlichen Mietshäusern Sopots.

Zugleich weiß man, daß diese tschechoslowakische Impression nicht der Realität entsprechen kann, und daß das Gebäude tatsächlich viel neuer sein muß, denn die Architektur der Freien Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk, zu der Sopot in der Zwischenkriegszeit gehörte, war fast nie so avanciert wie die der Tschechoslowakei. Allgemein sind Gebäude nur selten älter, als man sie einschätzt, für gewöhnlich ist es andersherum. In Wirklichkeit stammt das Gebäude aus den späten Sechzigern und war auch nie ein Kino, sondern beherbergte einen Laden der Firma Baltona, die gegen Devisen westliche Waren und andere Luxusgüter verkaufte. Doch die Betreiber des Restaurants Český Film verstanden offenbar den Wert ihres Gebäudes. Statt, wie es naheliegend gewesen wäre, das Tschechische durch bierselige Rustikalität auszudrücken, fanden sie es in der sachlichen Architektur, die sie mit der schnörkellosen wie markanten Schriftart des Namens gleichsam vervollständigten. So versetzten sie das Gebäude in der Zeit und im Ort. Dank dieser Subtilität hat Sopot heute eine wahrhaftige tschechische Exklave, nicht bloß kulinarisch, sondern auch architektonisch.

Daß neben dem Restaurant heute der Eingang eines „Gentleman’s club“ ist, schafft immerhin auch einen Bezug zu aktuellerem tschechischen Filmschaffen anderer Art.