Olsztyner Höhepunkte: Sowjetisches Ehrenmal

Der zweite der Olsztyner Höhepunkte nach dem Planetarium ist das sowjetische Ehrenmal.

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Unübersehbar hoch ragt es auf. Der hohe Sockel ist aus schwarzen Steinblöcken und die beiden Stelen, die links und rechts auf ihm stehen, sind aus grauen. Beide haben eine quadratische Grundfläche, wobei bei der rechten nur die rechte Hälfte aus sichtbaren eckigen Blöcken besteht. In der linken Hälfte bilden sie die große Skulptur eines sowjetischen Soldaten. Er steht dort mit Uniform und Helm, aus dem Stein hinausgewachsen, im Schritt nach vorne, in der erhobenen linken Hand eine Fahnenstange. Zur Fahne werden die drei unregelmäßigen Stufen im Stein, die nach links noch über den Kopf des Soldaten reichen. Auf der unteren, kaum höher als der Helm, sind Hammer und Sichel, die als einzige eine dritte Farbe ins Ehrenmal bringen: Rot.

Die linke Stele hat auf allen Seiten Linienreliefs im glatten Stein. Zu den drei äußeren Seiten sind Kriegsmaschinen dargestellt, Panzer, Geschütze, Flugzeuge, gepanzerte Züge, oft schräg nach oben oder nach unten zeigend. Auf der vierten Seite aber, die nach innen zum Soldaten zeigt und über die oben ein der Fahne ähnlicher Teil übersteht, sind Vieh, Traktoren, Kräne, Industrieanlagen zu sehen.

Die Symbolik ist so einfach wie angemessen: außen die Waffen, mit denen das Innere, die Produkte des sozialistischen Aufbaus, verteidigt werden. Neben diesen der Verteidiger, riesen- und heldenhaft unter dem Banner mit Hammer und Sichel.

Dieses sowjetische Ehrenmal steht mitten im Zentrum von Olsztyn, abseits der einstigen Aleja Zwycięstwa (Allee des Siegs) und heutigen Piłsudskiego (Piłsudski-Allee), die vom Rathausklotz herkommt und zum Platz beim Planetarium weiterführt. Es steht damit heute in einer gänzlich feindseligen kapitalistischen Stadt.

Links ist ein monströses backsteinernes Gerichtsgebäude, mit dem sich der kapitalistische preußische Staat repräsentierte, rechts ist ein Einkaufszentrum, das gut den kapitalistischen polnischen Staat repräsentiert. Der Vorplatz des Ehrenmals ist nunmehr ein Parkplatz, auf dem aber immerhin der mittige steingepflasterte Weg freibleibt. Aufschriften gibt es keine.

Doch all das macht gar nichts, denn das sowjetische Ehrenmal von Olsztyn ist ein so großes sozialistisches Kunstwerk, daß es dennoch Mittelpunkt seiner Umgebung bleibt. In der Beschreibung fehlte zudem noch sein wichtigster Teil: seine Mitte. Vom Weg her führt eine breite Treppe aus schwarzem Stein geradeaus auf die erhöhte Fläche des Sockels zwischen den Stelen, während von der anderen Seite zwei kleinere Treppen von rechts und links am Sockel entlang nach oben führen. Zwischen den friedlichen Reliefs und dem schützenden Soldaten wird man selbst zur Mitte des Ehrenmals. Hier begreift man auch, wieso es an gerade dieser Stelle und nicht anderswo steht. Hinter einem liegt die kapitalistische Stadt, doch vor einem eröffnet sich ein ganz anderes Panorama: über einen weiten Park im folgenden Tal sieht man, zumindest im Winter, drei Wohnhochhäuser eines entfernten Wohngebiets.

Weit rechts steht die Kościół Św. Jakuba (Jakobskirche), die backsteingotische Hauptkirche der wiederaufgebauten Olsztyner Altstadt.

Aus Autorenkollektiv: Polen, Leipzig 1969

Das sowjetische Ehrenmal ist wie ein Portal, durch das man von einer schlechteren Version der Stadt in eine bessere tritt, oder wenigstens wie ein magischer Bilderrahmen, durch den man einen Blick in eine bessere Zukunft werfen kann. Die Erinnerung an die zurückliegenden Kämpfe und die Befreiung durch die sowjetische Armee steht symbolisch an der Schwelle zum Neuen. Und jeder ist eingeladen, diese Schwelle zu übertreten. Das Ehrenmal daher steht völlig frei und ist von überall gut zugänglich. Obwohl die der Straße zugewandte Seite betont ist, ist sie nur eine von vielen Möglichkeiten, es zu betrachten. Hammer und Sichel etwa sind von der anderen Seite besser zu sehen.

Mit seinem sowjetischen Ehrenmal hatte Olsztyn doppeltes Glück: daß es in so gelungener Form errichtet und zum städtischen Höhepunkt gemacht wurde und daß es noch immer existiert.

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