Gang durch einen fehlenden Park

Der Park Oliwski (Oliwaer Park) will zum Meer. Da das etwa dreieinhalb Kilometer entfernt ist, gelingt ihm das nicht, aber er will es zumindest, wie alle barocken Parks das Absolute wollen, die völlige Verwandlung und Ordnung der Welt. Seinen Willen zeigt er dadurch, daß seine zentrale Allee zwischen Wänden aus Bäumen erst in ein langes Bassin übergeht und gerade fortgesetzt bei Przymorze aufs Meer stieße.

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Was der Park will, gelingt dem Potok Oliwski (Oliwaer Bach) ganz natürlich. In den Hügeln des Walds, an dessen Rand der Park liegt, entspringt er, dem Bassin leiht er sein Wasser und in Jelitkowo mündet er ins Meer, weshalb er auch Potok Jelitkowski (Jelitkowoer Bach) heißt.

Die Verbindung zwischen Wald und Meer durch einen Grünzug aber ist nicht nur eine barocke Wunschvorstellung, sondern eine städtebauliche Notwendigkeit. Sie müßte selbstverständlich dem Lauf des Bachs folgen und nicht etwa die barocke Allee fortsetzen. Die Schaffung einer solchen Verbindung ist so naheliegend wie wenige andere städtebauliche Fragen. Martin Kießling beschrieb es 1929 so: „Aus der Ferne sei nur für dieses Gebiet noch einmal die Mahnung gestattet, die Parkverbindung zwischen Oliva [Oliwa] und der See nicht zu vergessen, und nicht in den nie wieder gut zu machenden Fehler Zoppots [Sopots] zu verfallen, die Verbindung zwischen Wald und Seebad durch ein verworrenes Häusermeer zu verriegeln. Diese Verbindung, für die ja in Oliva durch den Glettkaubach [Potok Jelitkowski] […] alle Grundlagen gegeben sind, kann nicht breit genug sein.“ Kein Zweifel, daß folgende Generationen ganz ähnliche, nun polnische, Worte dafür fanden. Und es gibt diese Parkverbindung ja auch fast. In diesem „fast“ allerdings liegt das Problem. Dieses „fast“, das sind drei große Hindernisse, von denen 1929 noch wenige geahnt hätten.

Das erste und größte ist direkt am Rande des Parks die Aleja Grundwaldzka (Grunwald-Allee). Diese vierspurige Straße ist die wichtigste Verkehrsader und städtebauliche Geisel von Gdańsk und der gesamten Trójmiasto (Dreistadt). Beim Park Oliwski zerreißt sie die Verbindung zum nächsten Park, den es ja gibt, der gleich auf der anderen Straßenseite ist. Der Bach ist hier zu einem großen Teich erweitert, ringsherum stehen große Bäume und in der warmen Jahreszeit ist in der Mitte eine große Fontäne.

Um vom Park Oliwski aus dem Bach zu folgen, müßte man über einen Zaun klettern und über die Straße rennen oder geduckt durch einen langen Kanal waten.

Einzig gangbar ist ein zehn Minuten langer Umweg über drei Ampeln. Entsprechend sind an diesem Teich nie viele Menschen und wohl keine von diesen kamen aus dem gegenüberliegenden Park. Nur selten sieht man städtebauliche Möglichkeiten, nein, Zwangsläufigkeiten, so verschwendet. Um dieses Hindernis zu beseitigen, wäre mindesten ein neuer Parkausgang und eine neue Ampel nötig, obwohl es noch besser wäre, wenn die Straße hier aufgestützt geführt würde, um den Fußgängern ungebremsten Durchgang zu erlauben.

Auf der anderen Seite des Teichs fließt ein betongefaßter Wasserfall in einen kleineres Becken mit einem runden Inselchen, bevor der Bach seinen Lauf durch weitere Parklandschaft fortsetzt.

Bald folgt das zweite Hindernis: die Bahnstrecke. Während der Bach unter ihr hindurchfließen darf, ist der Fußgänger zu einem Weg entlang der Straße Pomorska gezwungen. Obwohl der Umweg nicht groß ist und man den Park nur kurz verlassen muß, wäre es unbedingt notwendig, den Fußgängern beidseits des Bachs Pfade unter der Bahnlinie zu schaffen, damit er, wie dieser fließt, zwischen Kleingärten und Hundeübungsplatz weitergehen kann.

Von nun an ist lange alles, wie es sein soll. Für ein wundervolles Stück gibt es parallel zur Pomorska genau den Parkstreifen, den die Stadt braucht.

Zuerst ein weiterer langgestreckter Teich, dann nach einem weiteren Wasserfall auf Beton große Bäume, Wiesen und, wieso nicht, einige Kleingärten um den mäandernden Lauf des Bachs, nach links zwischen vier quergesetzten Wohngebäuden Öffnungen ins Wohngebiet Żabianka und schließlich noch ein Teich mit Insel.

Hier zeigte der Sozialismus, wozu er fähig ist, obwohl das rechts angrenzende Einfamilienhausgebiet zugleich die Mängel seiner halbherzigen polnischen Variante offenbart.

Erst nach diesem langen Abschnitt folgt als letztes Hindernis die große Straße Chłopska. Wieder ist der nötige Umweg zur nächsten Ampel nicht allzugroß. Man kann dann weiter der Pomorska folgen und obwohl man auf deren Gehsteig angewiesen ist, wirkt der Weg dank dem Lauf des Bachs rechts und hohen Bäumen auch auf dem breiten Mittelstreifen sowie dem hier eher geringen Verkehr halbwegs parkartig. Der Bach erreicht unter mehreren Brücken und durch einen letzten Teich hindurch den Park Jelitkowski (Jelitkowoer Park) und bald darauf den Strand, wo er ins Meer mündet, während die Fußgänger dafür auf Zebrastreifen die kleine, aber stark befahrene Straße Kapliczna überwinden müssen.

Doch es gäbe eine noch weitere, bessere Alternative. Wenn man geradeaus über die Chłopska ginge, was nicht möglich ist, ohne über einen Zaun der Straßenbahnstrecke zu klettern, käme man zwischen einem bewachten Parkplatz und einer Schule in den Park Przymorze (Przymorze-Park).

Durch diesen und seine Fortsetzung bietet sich ein weit großzügigerer und verkehrsfreier Weg Richtung Park Jelitkowski und Meer. Deshalb wäre es  auch hier sinnvoll, mindestens einen weiteren Übergang mit Ampel anzulegen oder besser noch die Straße aufgestützt zu führen und den Boden für die Fußgänger freizuhalten

Dieser letzte Teil des Wegs zwischen Oliwa und dem Meer ist der, der sich am leichtesten zum einheitlichen Park zusammenfügen ließe, weil er fast ausschließlich aus Grünflächen besteht, doch er ist zugleich der, in dem die ärgerlichsten Hindernisse sind: neue teure Einfamilienhäuser abseits der Chłopska, die den Bach für ein Stück völlig zwischen ihren Grundstücken einhemmen. Hier zeigt der Kapitalismus, wie entschlossen er ist, wie sehr es zu seinem Wesen gehört, jeden „nie wieder gut zu machenden Fehler“ zu wiederholen.

Noch aber ist es nicht zu spät. Irgendwann wird der barocke Traum des Park Oliwski in Erfüllung gehen und er wird in verwandelter, gänzlich unbarocker Weise das Meer erreichen, wie es der Bach schon immer tat, die Zivilisation wird die Natur einholen.

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