Die Unabhängigkeit im Krankenhaus

1977 feierte Rumänien das hundertste Jubiläum seiner Unabhängigkeit vom osmanischen Reich und 1980 wurde mit leichter Verspätung in Iași ein großes Denkmal dazu eingeweiht. Es steht auf dem großen, durch abwechslungsreichen Baumbestand aber angenehmen Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) am vielbefahrenen Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit).

Sein Hauptelement ist die riesige Bronzeplastik einer sehr schlanken und feingliedrigen Frau mit dennoch breiten Hüften und großen Brüsten. Sie steht wie im Schreiten mit leicht vorgesetztem linken Bein und weit ausgebreiteten Armen. Das Kleid, das sie trägt, ist um die Beine und Arme wallend weit, um den Oberkörper jedoch eng. Ihr Gesicht ist ernst mit geschlossenen Augen, ihr Haar recht kurz und gelockt. In der linken Hand hält sie ein Tuch, das dann im weiten Bogen über ihrem Kopf und zu ihrem Rücken weht.

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Sie steht auf einem hohen rechteckigen Sockel mit hellgraubraunweißer Steinverkleidung, durch den quer zur Straße ein wandartiger niedrigerer Teil verläuft. Derselbe Stein ist auch für die niedrige Treppenanlage, auf der die Sockel stehen und für Dachfirst und Flächen an den Rändern des sechsgeschossigen Gebäudes, das den Platz rückwärtig abschließt, verwendet. Mit seinen horizontalen Bändern aus Fenstern und gelbem Putz und schmalen vertikalen Streben bildet es eine Art Rahmen für das weit davor stehende Denkmal.

Das ist alles nicht schlecht. Die von der Bildhauerin Gabriela Manole-Adhoc geschaffene Plastik ist groß, einfach, nicht so leblos, daß sie nur Allegorie sein kann, und ihre Kleidung ist eine gelungene, wiewohl vielleicht unabsichtliche Mischung aus einer Bauerntracht von 1877 und osteuropäischer Posthippiemode von 1977. Doch alles käme nun auf den Sockel an.

Seine Breitseiten sind bedeckt mit Bronzereliefs aus der Hand von Gheorghe Adoc, Ehemann der Schöpferin der Plastik, die vor allem Kriegsszenen und eine Versammlung, wohl die Unabhängigkeitserklärung, zeigen, dazu die Zahl 1877. Das ist nicht nur äußerst nichtssagend, sondern auch künstlerisch recht nichtig. Eine Szene mit vorstürmenden Soldaten, hinter denen eine Fahne mit, damit keine Zweifel bleiben, dem Wort România weht, nutzt den vertikalen Teil des Sockels, aber die anderen wissen mit ihrer Fläche gar nichts anzufangen. Es ist Kunst des 19. Jahrhunderts, in nichts besser als etwa das Vereinigungsdenkmal auf dem nahen Piața Unirii (Platz der Vereinigung). Wie um das zu unterstreichen, steht vorne auf der zur Straße zeigenden Schmalseite des Sockels: „‚Independenta e suma vietii noastre istorice‘ M. Eminescu“ (Die Unabhängigkeit ist die Summe unserer geschichtlichen Lebens).

Das ist genau das, was man auf einem bürgerlichen Unabhängigkeitsdenkmal erwarten würde. 1980 war Rumänien jedoch ein sozialistischer Staat. Davon ist hier keine Spur. Für Mihai Eminescu, einen großbürgerlichen Dichter des 19. Jahrhunderts, mag die Unabhängigkeit die Summe seines politischen Lebens gewesen sein, für einen sozialistischen Staat jedoch ist diese Summe viel zu niedrig. Aus der Entfernung noch, wenn man nur die sowjetisch inspirierte Plastik sieht, kann man ein sozialistisches Kunstwerk erwarten, doch aus der Nähe ist da bloß bürgerlicher Nationalismus.

Ganz so absolut war der bürgerliche Charakter des Denkmals zur Eröffnungszeit nicht: das Eminescu-Zitat stammt erst aus den Neunzigern, was auch an dem SMS-Rumänisch ohne Sonderzeichen, das dem Dichter wohl schwerlich gefallen hätte, zu erkennen ist. Vielleicht spürte der rumänische Sozialismus, das doch etwas fehlte und lehnte das von den Künstlern angeblich bereits vorgeschlagene Zitat ab. Stattdessen stand dort etwas von, selbstverständlich, dem Staatschef Nicolae Ceaușescu:

„Eroismul înaintașilor de acum un secol va trăi veșnic în conștiința profund recunoscătoare a întregii națiuni, iar opera făurită cu sângele lor, de generațiile de la 1877, va străluci întotdeauna în istoria noastră, ca una din cele mai mari izbânzi pe drumul libertății, progresului, independenței și fericirii poporului român” (Der Heroismus der Vorfahren von vor einem Jahrhundert wird ewig im tief dankbaren Bewußtsein der gesamten Nation leben, und das mit ihrem Blut, der Generationen von 1877, geschmiedete Werk wird in unserer Geschichte immer als einer der größten Siege auf dem Weg der Freiheit, des Fortschritts, der Unabhängigkeit und des Glücks des rumänischen Volks glänzen)

Das ist wiederum nicht schlecht, es stellt die Unabhängigkeit immerhin in einen bei gutem Willen sozialistisch zu nennenden größeren Zusammenhang, aber es genügte leider nicht, das Denkmal zu einem sozialistischen zu machen, da der Inhalt der Reliefs bürgerlich ist. Und auch mit besseren Reliefs würde es vielleicht kein ganz großes Denkmal werden, aber doch ein angemessenes, das viel von hundert Jahren rumänischer Unabhängigkeit erzählen könnte, aber als einem Prozeß voller Konflikte und Kämpfe.

So ist es vielleicht nur passend, daß das Unabhängigkeitsdenkmal von Iași auch städtebaulich eine verpaßte Gelegenheit ist, da es nicht nur an der großen Straße, sondern genau neben der Achse des Piața Unirii liegt.

Und das rahmende Gebäude dahinter wie die unscheinbaren rechts des Platzes, sie gehören zu einem großen Krankenhaus. Die Unabhängigkeit hätte mehr verdient.

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