LOT

LOT ist einer der letzten Überlebenden in Gdańsk, eines der letzten Gebäude aus sozialistischer Zeit in zentraler Lage. Es steht neben dem Brama Wyżynna (Hohen Tor), wo die gleichnamige wichtige Straßenbahnhaltestelle ist, und es ist nicht zu übersehen.

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Ein langgestreckter Bau parallel zur Straße, zwei Geschosse, das leicht zurückgesetzte Erdgeschoß völlig verglast, im Obergeschoß ein hohes Fensterband zwischen zwei schmalen Bändern aus einer Kunststoffverkleidung in vertikalen Leisten. Das unter der Verkleidungsbänder ist blaßorange, das obere ist weiß und trägt die großen, wiederum orangen Buchstaben, die LOT erst zu LOT machen. Dreimal, an den Seiten und in der Mitte, ist das LOT-Logo in seiner ganzen Einfachheit: die Buchstaben kursiv, das O unten mit dem L und oben mit dem T verbunden. Dazwischen steht links „Polish Airlines“ und rechts „Polskie Linie Lotnicze“, was nicht mehr ist als eine Erläuterung dessen, was LOT ist: die Polnischen Fluglinien. Daß LOT trotz der Großschreibung keine Abkürzung, sondern ein eigenständiges Wort mit der Bedeutung Flug ist, bleibt Nebensache.

So, Glas, Verkleidung, Logo, steht LOT links neben dem wehrhaften und abweisenden Brama Wyżynna. Rechts von ihr steht ein backsteinernes Bankgebäude aus der preußischen Zeit mit fünf Geschossen und historistischen Formen. Vor dem Krieg stand auch an der Stelle von LOT ein ähnlicher Bau, ein Hotel aber. Es lohnt, die beiden Seiten des Brama Wyżynna zu vergleichen.

Rechts der preußische Klotz, der in den Formen an Gdańsker Altes anknüpfen will, aber den Blick auf alles Alte wie Neue ringsum versperrt. Links LOT, das mit seinen Formen voller Selbstbewußtsein in seine Zeit gehören will, wiewohl die orangene Farbe durchaus auf das Backsteinrot des Alten Bezug nimmt. Vor allem aber ist der preußische Eckbau Teil der Blockrandbebauung, eine Mauer neuer Art, während LOT freisteht, ganz wie das von den Mauern befreite Tor. Die zur großen Straße zeigende Seite ist nur eine von vieren. Die Schmalseiten entsprechen dieser, haben aber nur Platz für die polnische Version des Namens. Vor die zur Stadt zeigende Seite ist rechts ein vertiefter Bereich gegraben und links ein großes Treppenhaus mit vorgewölbter Außenwand gesetzt, das sich mit einer großen verglasten Ecke weiter nach links, zum vom Stadttor am Zwinger vorbeiführenden Weg, öffnet.

Um diese Seite legen sich Grünanlagen, die zum Platzbereich des Targ Węglowy (Kohlenmarkt), der leider zu sehr Parkplatz ist, überleiten.

Und um wie über LOT ist das Panorama der Stadt: die Kuppel des neuen Teatr Wybrzeża (Theaters der Küste), die Giebel der Altstadt, die Türme von Kirchen und Rathaus, der Bau der Bractwo Św. Jerzego (Sankt-Georg-Bruderschaft). Und all das ist auf Wegen um das Gebäude zu erreichen. Denn bei allem Selbstbewußtsein ist LOT bescheiden, es braucht nicht groß zu sein, um seinen Platz zu behaupten, sondern zeigt seine Größe dadurch, daß es großzügigerweise Platz um sich läßt.

LOT ist ein Überlebender aus einer Zeit, die an sich glaubte, ein wenig jedenfalls, und im Bewußtsein lebte, etwas Neues zu schaffen, ein wenig jedenfalls. Errichtet 1961 als repräsentativer Möbelsalon stand es für wachsenden Wohlstand und als Gebäude der staatlichen, also einzigen, Fluggesellschaft LOT stand es mit der englischen Aufschrift vor der polnischen für Weltoffenheit, für die Verbindung von Gdańsk in die Welt. Es war selbst wie ein Flugzeug, das auch überall sonst in der Welt stehen könnte und doch oder gerade deshalb ganz zu Gdańsk gehörte.

Der Sozialismus, der es erbaute, wurde besiegt und auch die Tage von LOT sind früher oder später gezählt. Neben einem LOT-Reisebüro, das erstaunlicherweise überlebt hat, sind dort heute Kebabläden und Drogerien und hinten ein Nachtclub. Seine Bedeutung für die Stadt aber ist daran abzulesen, daß „pod LOT-em“ (beim LOT) ein typischer Treffpunkt ist.

Auf der zur Stadt zeigenden Seite, über dem Treppenhaus, blieb nach dem LOT-Logo nur noch „Po“, was „nach“ bedeutet und leider paßt, da die Zeit nach dem LOT nicht mehr fern ist.

„Jest po LOcie“ wird man dann sagen, aber wegen der deklinationsbedingten Veränderung der Abkürzung kaum schreiben können, „mit dem LOT ist es vorbei“. Dann wird an seine Stelle ein neuer Klotz treten, der alle Blicke versperren und das Brama Wyżynna wieder in die Zwinge nehmen wird.

Mit LOT wird eines der letzten zentral gelegenen und sichtbaren Zeugnisse der sozialistischen Zeit verschwinden. Wer nun meinte, daß damit ein alter Stadtorganismus wieder geheilt würde, der irrt, denn zum einen stammte das vorherige Gebäude bloß aus dem späten 19. Jahrhundert, zum anderen, auch wenn sich das dem oberflächlichen Blick entzieht: das gesamte alte Zentrum von Gdańsk wurde in der sozialistischen Zeit wiedererbaut und LOT ist ein integraler Bestandteil. LOT ist noch ein langes Überleben zu wünschen.

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