Tábor ohne Hussiten

Obwohl Tábor von den Hussiten sehr bewußt gegründet wurde, ist es ganz und gar keine Planstadt. Die Straßen und Gassen auf der Hügelkuppe verlaufen vielmehr kreuz und quer, gerade und krumm, man weiß nie sicher, wo man hinter der nächsten Ecke sein wird und gerade hier ist es so eng, daß man den Kirchturm selten als Orientierungshilfe hat. Das macht das Stadtbild von Tábor, das von der fortschrittlichsten Kraft seiner Zeit gegründet wurde, paradoxerweise mittelalterlicher als das von Städten wie Vysoké Mýto oder České Budějovice, die zwei Jahrhunderte früher von König Přemyšl Otakar II. gegründet worden waren und völlig regelmäßige Straßenraster um einen riesigen quadratischen Platz haben. Das liegt zum einen daran, daß diese Städte bewußt im flachen Land angeordnet wurden, während Tábor auf einem Hügel liegt, und zum anderen daran, daß die Hussiten mit vielem anderem stärker befestigt waren als mit Stadtplanung und daß die Zeit ihrer größten Macht nur bedauerlich kurz währte.

Das hussitische Tábor aus Tichý, Jaroslav u. Kovařík, Jindřich: Letem ČSSR, Praha 1965

Auf der Spitze eines steilen Hügels über der Lužnice wurde Tábor errichtet, damit es sich besser verteidigen ließe, und um diesen erstreckt es sich noch heute.

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Der Kirchturm ist nicht deshalb von fast überall in der Stadt und Teilen des Umlands zu sehen, weil er so hoch ist, sondern weil er am höchsten Punkt der Stadt steht.

Von der Straße Dukelských Bojovníků

Was in der hussitischen Zeit und noch später ein Vorteil war, wurde mit dem Beginn der Industrialisierung zum Problem.

Über den Stausee Jordán

Bestimmend für weite Teile der Táborer Stadtstruktur sind daher teils extreme Hanglagen.

Nicht einmal der zentrale Žižkovo Náměstí (Žižka-Platz) hat eine ganz ebene Fläche, aber zumindest ist er mehr oder weniger rechteckig. Von Plätzen in tschechischen Städten mit weniger revolutionärer Geschichte unterscheidet er sich nicht, bloß der Name und das Denkmal für Jan Žižka weisen auf sie hin.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988 (Bild zum Vergrößern anklicken)

Es ist ein historistisches Kunstwerk von 1877, der große hussitische Feldheer steht sandsteinern auf einem hohen grauen Sockel. Mit der Linken hält er ein aufgestütztes Schwert, mit der Rechten macht er vorm Körper eine Bewegung mit seinem szepterähnlichen Streitkolben (palcát). Sein Gesicht mit der Augenklappe und dem enormen Schnauzbart ist von einem Helm beschattet, er trägt eine Rüstung und hat einen Mantel umgehängt. Wie ikonisch sein Bild schon oder gerade im 19. Jahrhundert war, sieht man daran, daß in der prägnanten Inschrift sein Name gar nicht genannt ist:

„Základateli Tábora, vítěznímu obhájci národu, na památku postavili vděční potomci L.P. MDCCCDLXXVII“ (Dem Gründer von Tábor, dem siegreichen Verteidiger des Volks, zur Erinnerung erricheten die dankbaren Nachkommen A.D. MDCCCDLXXVII)

In der nordwestlichen Ecke des Platzes, wie gesagt seinem und der Stadt höchsten Punkt, steht die Kirche, ein großer, aber nicht riesiger gotischer Bau.

Seine Vertikalität wird zudem durch drei Renaissancegiebel an der zum Platz zeigenden Breitseite und im Abschluß des Dachs vor dem niedrigeren Chor gemildet. Noch dahinter schließt der Turm an, quadratisch im Grundriß, gotisch und hoch, aber noch viel höher und zur Dominante der Stadt gemacht durch die kupferne barocke Haube mit drei vorgewölbten Zwiebelelementen und zwei offenen Teilen.

Die Wohngebäude sind eine typische Mischung aus oft umgebautem Alten und Historistischem, aber es gibt von ihnen gar nicht viele. An der Westseite dominiert das Rathaus mit drei Treppengiebeln und einem dicken Turm, das erstaunlicherweise tatsächlich spätgotisch ist, aber nach barockem Umbau vom unsensiblen 19. Jahrhundert so intensiv regotisiert wurde, daß es auch neogotisch sein könnte.

An der Ostseite stehen überhaupt nur zwei Gebäude. Links ist die heutige Post, ein erstaunlich einfacher historistischer Bau, der seine eher angedeutete Tempelfassade vor den drei hohen Geschossen und dem großen Walmdach einem älteren Vorgängerbau verdankt. Links ist ein abgerundeter Teil, der im zweiten Geschoß einen Saal mit großen hohen Fenstern und darüber ein steil ansteigendes Dach, das in einer großen verglasten Laterne endet, hat.

Rechts ist ein weißgetünschtes kubisches Verwaltungsgebäude aus der ersten Republik. Sein zuerst viergeschossiger Baukörper schließt direkt und mit derselben Traufhöhe an die Post an und überbrückt zuerst einen Durchgang in eine kleine Gasse. Direkt danach, schon vor der Mitte, beginnt leicht vorgesetzt ein dreigeschossiger Teil mit Dachterrase, der noch ein Stück nach dem Ende des viergeschossigen Teils weiterführt. Noch an ihn fügt sich deutlich zurückgesetzt ein ähnlicher zweigeschossiger Teil mit Dachterrasse an, der rechts auf zwei eckigen Stützen ruhend noch in die nächste Gasse hineinragt. Wie ein ruhiger Hintergrund vor den bewegten kubischen Stufen dieser Teile steht ein fünfgeschossiger Teil, der kurz nach der Mitte des ersten, viergeschossigen Teils beginnt, mit einer Fenstertür auf die Dachterrasse des dreigeschossigen Teils weist und dort endet, wo der zweigeschossige Teil sein Erdgeschoß mit den Stützen öffnet. Dieser Teil nun, hinter dessen zum Platz zeigender Fassade sich entlang der Gasse übrigens das größte Volumen des Gesamtbaus ausbreitet, hat vor dem Dach angedeutete Zinnen aus schmucklosen aufragenden Rechtecken und vor der großen Wand über dem zweigeschossigen Teil vier vertikale schwarze Metallstreifen, Fahnenstangen vielleicht.

Das ehemalige Finanzamt ist ein eigentümliches Gebäude, das seine Größe durch einen stetigen unregelmäßiger Aufbau kubischer Stufen abmildert und mit einem sehr minimalistischen historistischen Element, den Zinnen, einen vagen Bezug zu Altem herstellt, ohne seine Neuheit zu verhehlen. Ob es die Zinnen bräuchte, ist nicht einmal sicher, denn die Überbauung des Gasseneingangs, die auch bei einigen älteren Gebäuden anzutreffen ist, und der aufgestützte Teil, der einem Erker weiter hinten in der Gasse zitiert, sind vielleicht der stärkere Bezug.

Vielleicht gelingt dem Gebäude, was die Architektur der „Postmoderne“ oder der „kritischen Rekonstruktion“ gerne gelänge, wenn sie nicht so billig und vulgär wäre. Jedenfalls ist es ein gelungenes und für die beste Táborer Architektur seiner Zeit vielleicht typisches Gebäude, das frei von Monumentalität und fast von Historisierendem ist, aber auch den Schritt zu einer radikalen Funktionalität wie sie sich etwa in Brno findet, nicht geht, vielleicht nicht gehen will.

Was die ältere Architektur Tábors angeht, so sind ihr typischster Ausdruck nicht die Gotik der Kirche oder des Rathauses, auch nicht der Barock des Turmhelms, sondern die Renaissance mancher Giebel. Sie haben aus nach unten geöffneten Halbkreiselementen zusammengefügte Wellenformen, die vor den dreieckigen Abschlüssen der Satteldächer hängen. Als filigrane weißgetünschte Backsteinkonstruktionen, die nichts Historisches nachahmen oder nachahmen wollen, wirken sie zugleich kompliziert und einfach. Gewiß gibt es ähnliches auch in anderen Städten, aber in Tábor gibt es von ihnen doch so viele, daß sie zum stadttypischen Element werden. Am Žižkovo Náměstí gibt es solche Giebel an zwei Wohngebäuden und dreifach an der Seite der Kirche. Beim kleinen Vodáreňská věž (Wasserturm) am nahen Rande der Altstadt über dem Tal verdecken sie dessen einstige Funktion in einem ausgeklügelten Wasserleitungssystem, zu dem auch der Stausee Jordán gehört, eher.

Im besten Falle, wie beim Ctiborův dům (Ctibor-Haus) am Platz, das heute von einem hussitischen Kelch gekrönt ist, werden die Formen im Giebel noch verschlungener und filigraner, während an den Seiten freistehende Streben einen Treppengiebel nachzeichnen, gleichsam nur skizzieren, als solle so die Distanz zur gerade vergangenen, aber noch nachwirkenden Gotik umso stärker betont werden.

Das Verschlungene dieser Formen paßt gut zur verschlungenen Geschichte von Tábor. Aber mit den Hussiten hat das wie fast alle Táborer Architektur nichts zu tun, denn die Hussiten hatten so viel zu tun und so wenig Zeit, darin dem Sozialismus, der ihr Werk viel später fortsetzte, nicht unähnlich.

2 Gedanken zu „Tábor ohne Hussiten

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