Bürgerliches Iași

Während der Großteil der Häuser von Iași klein und bescheiden ist und im Sommer im Wein verschwindet, gibt es auch hier eine typisch großbürgerliche Architektur. Sie konzentriert sich im Stadtteil Copou bei der Universität, am oberen Teil der durch die Stadt führenden Achse, wo viele Parks sind, überhaupt alles großzügiger und ruhiger wird und eine Kaserne nicht weit ist, damit im Fall der Fälle rasch die Ruhe wiederhergestellt werden kann. Die Achse heißt hier Bulevardul Carol I. (Carol-I.-Boulevard) und aus der Regierungszeit dieses ersten rumänischen Königs (1866-1914) sind auch viele der bürgerlichen Villen. Einige interessantere kann man in der Aleea Copou (Copou-Allee), die vom Boulevard abzweigt und am Rande eines Parks entlangführt, betrachten.

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Zuerst freistehende bürgerliche Mietshäuser, zwei-, dreigeschossig und in allerlei historistischen Formen. Gebäude dieser Art könnten überall in Europa stehen, die Straße hat keinerlei lokales Element mehr, man könnte meinen, Iași, Rumänien, verlassen zu haben. Doch dann folgt ein Gebäude, das zwar ebenfalls überall stehen könnte, aber überall ungewöhnlich wäre und auffiele. Statt an der Straße steht es quer über ihr.

In der Mitte ist unten eine Durchfahrt auf dorischen Säulen, während darüber im zweiten Geschoß eine große und hohe Glasfläche mit seitlichen ionischen Säulchen und Rundbogen die Torform vollendet und vom überstehenden Satteldach mit einer ornamentalen Konstruktion aus Holzbalken beschirmt wird. In der Durchfahrt sind Nischen und zu beiden Seiten Eingänge, so daß der innere Aufbau des Gebäudes unklar bleibt.

Es bleibt ein historistischer Bau, doch er schafft mit der Durchfahrt zugleich einen sehr ungewöhnlichen städtischen Raum und läßt hinter dem Fenster einen prachtvollen Innenraum mit sehr ungewöhnlicher Aussicht erahnen. Solche Experimente, solche Extravaganzen sind das Beste, was man von historistischer Architektur erwarten kann, und daß sie so selten sind, ist nur ein weiteres Argument gegen sie.

Auf der anderen Seite der Durchfahrt verändert sich der Charakter der Straße völlig, man ist eine andere Zeit getreten, die Zwischenkriegs, in der verschiedene Könige regierten, zuletzt der umstrittene Carol II.

Nach wie vor sind dort großbürgerliche Häuser, doch statt historistischen Formen sind sie nun ganz schlicht und eckig, bauhausstilig, weiß verputzt. Das Haus über der Straße ist wie ein Tor zur modernistischen Architektur, die aber nur in den äußeren Formen fortschrittlicher ist. Versteckt hinter Bäumen überläßt es ihnen die weitere Straße völlig. Nach dem Bogen nach links, den die Aleea Copou macht, steht auf der linken Seite ein Haus, das Iașis großbürgerlicher Architektur der Zwischenkriegszeit, besonders gut repräsentiert.

Es ist zweigeschossig, gelblich verputzt, die Fenster in blaßblauem Holz gefaßt, sein Dach flach und leicht gestuft überstehend. Rechts ist der etwas niedrigere Eingangs- und Treppentrakt mit schmalen vertikalen Fensterbändern nach vorne und nach rechts. Der Mittelteil ist etwas vorgesetzt und am höchsten, links schließt wiederum zurückgesetzt und etwas niedriger ein weiterer Teil an. Vor diesen beiden Teilen verläuft ein Balkon, der rechts abgerundet beginnt, abgerundet um die Ecke verläuft und links abgerundet endet. Ursprünglich hatte er wohl nur horizontale Stahlrohrgeländer, doch schon lange ist er mit dünnen Scheiben und einem grünlichen Dach völlig verglast, was ebensogut, vielleicht besser, paßt. Es ist der Balkon, dieses Runde vorm Eckigen, der diese Villa so elegant macht.

Ganz wie die anderen Gebäude der Straße ist auch dieses Gebäude völlig ortlos und international. Es ist ein Kleinod, dem man nur das Beste wünschen kann in der Renovierung, die im Sommer 2018 offenbar anstand.

Was in Iași wirklich wichtig ist, das ist selbstverständlich, so interessant und hübsch das Haus über der Straße und das mit dem gläsernen Balkon sind, nicht in der Aleea Copou zu finden.