Essen in Velké Meziříčí

Das beste Essen meiner tschechoslowakischen Reise 2018 hatte ich in Velké Meziříčí etwa im Jahre 1985.

Ein Flachbau am Hang beim Bahnhof Velké Meziříčí zastávka (Velké Meziříčí Haltestelle), vorgesetzte Terrasse mit Hochbeet im Betongeländer, verglaste Vorderseite, von einem gemeinsamen Foyer in der Mitte erschlossen eine kleine coop Jednota-Kaufhalle rechts und das Bufet „U zastávky“ (Bei der Haltestelle) links, was oben unter dem Dach auch in weißen Rechtecken mit grünen Buchstaben als „Bufet“ und „Potraviny“ (Lebensmittel) ausgepriesen ist.

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Ein Raum mit holzgetäfelten Wänden, nicht klein, nicht groß, nicht eng, nicht geräumig, sondern genau so, wie er sein muß. Stühle mit rotem Kunstlederpolster und weißem Saum, auf Stahlstützen im Boden befestigte Tische mit roten und grünen Tischdecken. Direkt neben der Glastür die Theke, wo ein älterer Mann, Herr Pěchota, das Essen ausgibt, nicht unfreundlich, nicht freundlich, nicht abweisend, nicht jovial, sondern genau so, wie er sein muß. An der Wand hinter ihm steht das Essensangebot des Tages und vor ihm schon die Fleischstücke, damit er nur noch die Soße darüber gießen und die knedlíky (Semmelknödel) dazulegen muß. Ich bestellte svíčková (Lendenbraten), er verstand sekaná (Hackbraten), aber das war die bessere Wahl. Wohl da ich recht spät kam und nichts davon mehr sehr warm war, stellte er es kurz in eine riesige Mikrowelle der Firma National. Jede andere Mikrowelle hätte im tschechoslowakischen Jahr 1985 anachronistisch gewirkt, aber dieses Modell der heute besser als Panasonic bekannten japanischen Firma kann man sich als teuren Import aus dem kapitalistischen Ausland gut vorstellen. Gleiches gilt für die beiden softpornographischen Aufnahmen an der Holzvertäfelung nach dem Ende der Theke, gleich hinter dem Getränkeangebot aus bereitstehenden Dessertdrinks und zu zapfendem Bier, bloß die Schamhaare fehlten. In der Wand sind weiterhin noch die Durchreiche der Geschirrückgabe und die Tür zu den Toiletten.

Das Essen konnte in dieser Umgebung nur gut sein und das Publikum war so gemischt und unprätentiös, daß ich mit langem Haar und bunter Tasche wohl als Tscheche hätte gelten können, wenn ich denn Bier getrunken hätte. Die Lage mit Fensterfront auf die Terrasse, das Grün und die eingleisige Bahnstrecke hätte nicht besser sein können, doch wenn das Gebäude sich zur andere Seite öffnete, würde es einen einzigartigen Blick über die Stadt bieten. Kirchturm, Schloß und Autobahnbrücke lägen zum Greifen nahe vor einem.

Für die Tschechoslowakei wäre das vielleicht besser gewesen, aber das Bufet wäre dann auch so ein unverkennbar perfekter Ort, daß es sich das Jahr 1985 wohl kaum über dreißig lange Jahre Kapitalismus so unverfälscht bewahrt hätte.

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