Die fonction oblique in Gdynia

Parkdecks auf Betonstützen gibt es bei vielen Bürogebäuden, da sie eben praktisch sind und mit deutlich weniger Aufwand als Tiefgaragen deutlich mehr Stellplätze als ebenerdige Parkflächen schaffen. Zu diesen Parkdecks gehört immer eine Auffahrtsrampe. Aber wieso eigentlich?

Hinter dem großen Bürogebäude des Morski Instyut Rybacki (Instituts für Meeresfischerei), das oberhalb des Zentrums von Gdynia heute vor allem riesigen Werbebannern zu dienen scheint, ist es anders. Hier fehlt die separierte Rampe und stattdessen fällt das Parkdeck mit seiner ganzen Fläche sanft auf das Straßenniveau ab.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Das ist eine so einfache wie kluge Lösung, denn wieso muß ein Parkdeck eigentlich eine ebene Fläche sein? Autos parken schließlich regelmäßig an Hängen und auch an solchen mit weit prekärerer Steigung als hier.

Wo anderswo Auffahrtsrampen aus Beton durch aufgeschüttete Hügel ersetzt wurden, wird hier das Parkdeck selbst zu einem Hügel aus Beton, der die Auffahrtsrampe unnötig macht. Das ist, wie gesagt, einfach, scheint sogar ganz naheliegend, wenn man es einmal gesehen hat, doch wie Jonathan Richman fragt: „If someone else can do it, how come nobody does?“ (Wenn jemand anderes es machen kann, wieso macht es dann keiner?)

Ideen, die technischen Möglichkeiten des Betons gerade für schiefe Ebenen auszunutzen, gab es selbstverständlich einige, etwa in Claude Parents „fonction oblique“ (schräger Funktion), und es ist nicht ausgeschlossen, daß der Schöpfer des Gdyniaer Parkdecks mit ihnen vertraut war, aber das ändert nichts daran: Was man hier sieht, ist nicht weniger als eine architektonische Großtat. Es ist das Parkhaus des klugen Manns.