Tábor

Tábor ist, wie etwa Washington oder Stalinstadt, eine Stadt, bei der schon der Name ein politisches Fanal ist. Da das 1420 gegründete Tábor deutlich älter ist als die anderen beiden Städte, ist das heute jedoch weniger offensichtlich. Ganz wie sie wurde auch Tábor von einer revolutionären Bewegung gegründet, allerdings nicht von einer bürgerlichen oder einer sozialistischen, sondern von einer frühbürgerlichen: den Hussiten.

Nach der Ermordung ihres geistigen Vaters und Namensgebers Jan Hus im Jahre 1415 wurde die hussitische Bewegung, die sich auf die arme tschechische Land- und Stadtbevölkerung und den niedrigen Adel stützte, immer stärker. Längst schon war aus einer religiösen Bewegung gegen die weltliche Macht der Kirche und für Gleichheit im Sinne der Bibel eine politische und militärische Kraft geworden. Als die Hussiten unter dem Heerführer Jan Žižka z Trocnova sich auf einem steilen Hügel in Südböhmen eine eigene Stadt gründeten, nannten sie diese unbescheiden nach dem Berg Tabor in Palästina, der als Ort der Verklärung Christi gilt, auf Tschechisch also Tábor. Entsprechend hieß der kleine, aber vor der Stadt aufgestaute Bach nun Jordán.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988 (Bild zum Vergrößern anklicken)

Aber Tábor blieb nicht der Name einer Stadt, sondern ging mit den militärischen Erfolgen der Hussiten um die Welt oder jedenfalls durch die um Böhmen gelegenen Teile Europas. Denn tábor nannten die Hussiten auch die Wagenburgen, zu denen sie die Wagen ihres auch Frauen und Kinder umfassenden Trosses in Schlachten zusammenstellten – eine neuartige Kampftechnik, die sie, zusammen mit ihrer Verwendung von Feuerwaffen (die Worte Pistole wie Haubitze sind tschechischen Ursprungs) und ihrer im Vergleich zu den gegnerischen Söldnerheeren ungleich größeren Kampfmoral, für mehrere Jahrzehnte beinahe unbesiegbar machte. Die Kriegszüge der Hussiten führten in die angrenzenden Teile Ungarns, des Deutschen Reichs und in polnischem Auftrag bis an die Ostsee. Überall lernten ihre Gegner ihre tábory kennen. Sogar in Wien gibt es eine Taborstraße, die aber nicht direkt nach den Hussiten – sie kamen nur bis Strebersdorf am anderen Donauufer – sondern nach einer von ihnen inspirierten Befestigung benannt ist.

Wenn die Hussiten eines gut konnten, dann Krieg führen. Eine der faszinierenderen Ideen für eine alternative Geschichte ist daher auch, wie es gewesen wäre, wenn sie gesiegt und ein hussitisches slawisches Reich zwischen Elbe, Ostsee, Bug und Donau gegründet hätten. Doch den heutigen nachtschechoslowakischen Tschechen sind ihre kriegerischen Vorfahren eher peinlich. Sie haben stattdessen den Defätismus verklärt, mit Švejk als Heiligem, was allerdings auf einem groben und absichstvollen Fehlverständnis von Kommissar Jaroslav Hašek beruht, denn der hatte mit Jan Žižka viel mehr gemein, als ihnen lieb sein kann. Nicht einmal, daß das Wort tábor tatsächlich aus dem Tschechischen in die Nachbarsprachen drang, wollen sie so ganz glauben (und sprachwissenschaftlich ist es nicht völlig eindeutig), obwohl es schon ob der enormen Stärke der Hussiten plausibel erscheint.

Daß die Hussiten nach der Schlacht von Lipany im Jahre 1434 letzlich scheiterten, lag neben ihrer Spaltung in gemäßigte und radikale Fraktionen, zu welchletzteren Tábor gehörte, auch daran, daß die gegnerischen kaiserlich-katholischen Heere ihre Kampftaktiken samt dem tábor übernommen hatten. Aber der Name der Stadt Tábor blieb und ihr revolutionärer Ursprung beeinflußte all ihre weitere Entwicklung.