Reste von Matarnia

Heute ist Matarnia vor allem ein großes Einkaufsareal an der Obwodnica, der Autobahn, die sich um die Trójmiasto (Dreistadt) legt. Dort gibt es IKEA, Obi, Media Markt und viele andere Geschäfte um große Parkplätze.

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Für den aufmerksamen Reisenden zum Gdańsker Flughafen ist Matarnia auch noch ein Bahnhof an der erst 2015 eröffneten Bahnstrecke.

Das alte Dorf Matarnia aber liegt genau dazwischen, versteckt oberhalb der Autobahn und nur zu erahnen von der Bahnstrecke.

Wäre nicht das Rauschen des Verkehrs, man könnte auf dem unebenen Kopfsteinpflaster des Wegs unter alten Bäumen leicht vergessen, daß irgendwo in der Nähe eine Stadt ist, daß Matarnia gar Teil von einer ist.

Denn Matarnia gehört heute zu Gdańsk, aber der Wald und die Hügel bilden eine natürliche Barriere zu dessen am Meer gelegenen Stadtteilen. Es überrascht nicht, daß hier in der Zwischenkriegszeit die Grenze zwischen Polen, in dem Matarnia lag, und der Freien Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk verlief.

Frei auf einem weiten Grundstück steht das große Gutshaus. Es ist ganz historistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts und könnte auch als Villa in Lichterfelde oder irgendwo stehen.

Der niedrigere Teil endet mit einem Giebel in Neorenaissanceformen, während der höheren Teil Fachwerk, vielerlei geschnitzte Holzelemente vor dem Dach und neogotische Anklänge in der Steinbrüstung eines Balkons hat.

Etwas spezifisch Ländliches und Herrschaftliches ist am ehesten noch in der vorgesetzten überdachten Terrasse aus Holz.

Der Weg führt an diesem Grundstück und einigen neueren Häusern links vorbei auf die kleine Kirche zu, die ihm einen Backsteingiebel zeigt.

War man zuerst noch auf einer Höhe mit ihr, verläuft der Weg dann etwas nach unten und im Bogen links um das Kirchengelände herum, das damit einen eigenen niedrigen Hügelteil einnimmt.

Die Kirche ist ein ländlicher Bau, dem man seine Umbauten und Bauphasen gut ansieht. Die Mauern der Breitseiten bestehen teils aus unregelmäßigen Feldsteinen, teils aus Backstein.

Die jetzigen Fenster haben leicht abgerundete Bögen, was auf einen barocken Umbau hinweist, aber an einer Stelle ist noch ein spitzbögiges Portal zu erkennen. Rechts in der Mitte ist ein kleiner Anbau aus Fachwerk und links hinten ein größerer mit nach außen niedriger werdendem Pultdach.

Die Vorderseite ist ganz aus Backstein und hat einen Treppengiebel, in dem in der Mitte eine rundbögige Nische und oben ein offener Rundbogen, in denen jeweils Glocken hängen, sind.

Etwas an dieser Seite ist bei allem Bemühen um Gotik zu ungotisch. Die Formen sind zu eckig und zu rund, die komplizierte Ornamentik im Backstein zu perfekt.

An der Rückseite, die vom Weg her zu sehen war, ist links ein schräg und rechts ein gerade vorstehender Strebepfeiler aus Backstein. Im unteren Teil sind drei putzgefüllte Spitzbögen im Backstein, der Giebel ist dann eine noch einfachere Version von dem auf der Vorderseite. Er hat nur zwei Stufen, eigentlich nur eine niedrigere und höhere Wand, und dafür in der Mitte zwei rundbögige Nischen und oben zwei offene Rundbögen.

Hier ist der Kontrast zwischen der tatsächlichen Gotik unten und dem neueren Teil oben offensichtlich.

Aber vielleicht muß man den neuen Teilen der kleinen Kirche zugute halten, daß sie sich gar nicht bemühen, neogotisch zu sein. Vielleicht setzte in ihnen wie in der backsteinernen Mariensäule am Weg zum Eingang einfach ein örtlicher Maurer seine ganz unakademischen Vorstellungen davon, wie die Kirche weitergebaut werden sollte, um. Letztlich passen diese Formen so gut in die 1880er wie in die 1920er Jahre. Es ist schwer vorstellbar, daß der Umbau irgendeinen anderen Grund hatte als den Repräsentationswunsch des Gutsbesitzers, denn klein war Matarnia immer und eine geschichtliche Bedeutung hatte es selbst in seiner Zeit als Grenzort kaum. Und von wo sollte man die Kirche auch sehen? Sie hat tatsächlich erst ein Publikum, seit direkt vor ihr die Bahnstrecke verläuft. Ein wenig ist es, als hätte sie sich immer auf diesen Moment vorbereitet.

Ihren gegenwärtigen Zustand hingegen verdankt die Kirche einer Renovierung wohl in den siebziger Jahren, wie am grauen Putz, aber auch an den gleichsam archäologisch herausgearbeiteten Bauphasen zu erkennen ist. Aus dieser Zeit hat sie auch zwei hübsche Laternen mit runder Stange und in einer eckigen, etwas breiter werdenden Form gefaßtem Leuchtelement. Eine steht vor der Rückseite, die zweite an einem auf die rechte Seite zuführenden Weg. Wie er nach dem kleinen Tor mit einigen Steinplatten beginnt, dann in der Wiese verschwindet, aber dank zwei niedrigen Büschen, der Laterne und dem zugemauerten Bogen doch erkennbar bleibt, ist überraschend schön.

Der minimale Garten, die neue Laterne und das alte Gebäude werden zu einer harmonischen Einheit. Hier merkt man, daß diese Laternen aufzustellen ein nicht weniger schöpferischer Akt als Bau und Umbau der Kirche war.

Genutzt wird die kleine Kirche heute besonders von einem Storchenpaar.

Schon im Winter bemerkt man das große Nest links auf dem rückwärtigen Giebel und man könnte meinen, daß es die Symmetrie bricht. Doch im Sommer, wenn es bewohnt ist, scheint es eher, als unterstützte es sie, denn dann sitzen zwei Störche über zwei backsteinernen Bögen.

So hat das alte Matarnia mehr, als man von der Autobahn, und ein wenig mehr, als man von der Bahn erahnen kann. Zu dem, was man sieht, kommt das, was man nicht sieht. Hinter dem Gutshaus sind einige umgebaute Wirtschaftsgebäude, aber wie die Leute, die dort arbeiteten, lebten, das sieht man nicht mehr. Ihre Häuser waren wohl aus Holz und sie sind spurlos verschwunden. Wie meist, wenn man das Alte sieht, sieht man es nur in Resten, sieht nur das Alte der Reichen und Mächtigen. Man sieht nie alles, ob von der Autobahn oder vom Kopfsteinpflaster, aber das ist in Ordnung, solange man es weiß.