Wejherowo oder Die erstaunliche Geschichte von Klein-Gdynia

Wejherowo könnte eine beliebige Kleinstadt sein. Es liegt nah an der Gdańsker Bucht wie an der offenen Ostsee, aber zu weit von beiden, als daß es davon irgendwelche Vorteile hätte. Für die weltläufigen Bewohner der nahen Trójmiasto ist es Inbegriff von Provinz und vielleicht ist daran etwas Wahres, wenn jugendliche Subversion in dieser an Zeichen des Katholizismus überreichen Stadt darin besteht, an eine Mauer zu schreiben:

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„Idź w niedzielę do kościola“ (Geh am Sonntag in die Kirche).

Gleich, wenn man Wejherowos Bahnhof verläßt, zeigt es sich stark vom preußischen 19. Jahrhundert geprägt. Geradeaus führt eine repräsentativ gedachte Bahnhofsstraße mit Villen und Bäumen, dann nach links eine weitere Hauptstraße mit großen historistischen Mietshäusern und Hotels.

Vorbei an Verwaltungsgebäuden und einer Kirche in backsteinerner Neogotik erreicht sie das deutlich entfernt gelegene alte Stadtzentrum mit seinem quadratischen Platz. Frei an seinem Rand steht eine bescheidene und schlichte barocke Kirche und in der umgebenden meist historistischen Bebauung ein bizarres irgendwie neobarockes Rathaus.

Sichtbar Altes gibt es hier sonst nicht, nur ein eingeschossiger Fachwerkbau bei der Kirche repräsentiert noch frühere Zeiten der Stadt und er ist vermutlich eine neuere Imitation.

Eine Straße führt vom Platz an einer gotischen Kirche mit barocker Fassade vorbei auf das Schloß zu.

Es ist ein nur zweigeschossiger, aber doch stattlicher Bau in englischer Neogotik, die angesichts der späteren preußischen leicht und südlich wirkt. Hinter ihm erstreckt sich am ansteigenden Hang ein Park in den Wald hinein.

In einem recht regelmäßigen Straßennetz stehen die übrigen Gebäude der Stadt. Wie in allen preußisch-kapitalistischen Kleinstädten gibt es Mietskasernen und vermischte Häuser, oft in rohem Backstein. Wie in allen später polnisch-sozialistischen Kleinstädten gibt es dazu Auflockerungen mit niedriger fortschrittlicher Bebauung.

Eine beliebige Kleinstadt eben.

Doch es gibt in Wejherowo noch andere Gebäude, die weder kapitalistisches Preußen noch sozialistisches Polen sind.

Zuerst bemerkt man sie an der Querstraße neben der neogotischen Kirche, später findet man zwei ganze Straßenzüge und viele vereinzelte Beispiele: meist dreigeschossige Wohngebäude in modernistischen Formen. Horizontale Fenster, einzelne runde Fenster, vertikale Treppenhausfenster, abgerundete Balkone, keine Ornamentik, einzig manchmal der Kontrast zwischen verputzten Fassaden und Backstein um die Eingänge.

Viele dieser Gebäude ähneln einander, doch sie sind nie identisch. Obwohl es ganze Straßenzüge gibt, sind die einzelnen Gebäude immer deutlich als solche zu erkennen. Auch handelt es sich immer um Blockrandbebauung, in der einige Öffnungen eher zufällig wirken.

All das weist darauf hin, daß diese Architektur nicht in Deutschland entstand. Zwar gab es dort in den Zwanzigern Gebäude in solchen Formen – als Wohnsiedlungen in Städten mit fortschrittlicher Verwaltung, als werbeträchtige Kaufhäuser, als Villen kunstsinniger Individuen – aber niemals in dieser Fülle als private Wohngebäude in beliebigen Kleinstädten. Auch wenn man sich der Grenzverläufe in der Zwischenkriegszeit unsicher ist, was hier, wo mit Deutschland, Polen und der Freien Stadt Danzig drei Staaten aufeinandertrafen, leicht passieren kann, verrät diese Architektur: Wejherowo lag bereits ab 1919 in Polen, dem jungen und komplizierten kapitalistischen Polen. Dies ist seine Architektur.

Das erklärt, wieso es in Wejherowo, anders als etwa in unweit westlich, aber in der Zwischenkriegszeit in Deutschland gelegenen Lębork, keinerlei Backsteinexpressionismus oder ähnliche reaktionäre Stile der Zwanziger gibt, aber auch keine zusammenhängenden staatlich errichteten Siedlungen. Aber es erklärt vielleicht noch nicht ganz die schiere Fülle dieser Architektur in Wejherowo. In anderen polnischen Grenzstädten dieser Zeit, Tczew südlich oder Chojnice weiter südwestlich von Gdańsk etwa, ist sie weit seltener vertreten.

Wejherowo nahm offenbar eine herausgehobene Stellung ein. Es war immerhin die zweitgrößte, bis zur Gründung von Gdynia 1926 sogar die größte Stadt im Norden des polnischen Korridors zur Ostsee. Der polnische Staat hatte mit ihm offenbar Besonderes vor. Es sollte ganz wie Gdynia in modernistischen Formen für eine ersehnte kapitalistische Zukunft stehen. Es sollte mit Hilfe der Gdyniaer Architekten zu einem Klein-Gdynia werden.

Deshalb auch der Name Wejherowo, der so neu wie geschichtsträchtig ist. Auf Deutsch hieß der Ort einfach Neustadt, vielleicht noch zur Unterscheidung von all den anderen Neustädten Neustadt in Westpreußen. Auch das hatte gepaßt, denn er war tatsächlich neuer als andere Orte der Gegend, die auf slawische oder Deutschordensgründungen zurückgehen. Diese neue Stadt hingegen wurde erst 1643 gegründet – von Jakub Wejher.

Wejher (auch Weyher etc.) war so eine barocke Gestalt des frühen 17. Jahrhunderts. Sohn aus altem pommerschen Adelsgeschlecht studierte er in Bologna, besuchte den Legenden nach Malta, kämpfte im Dreißigjährigen Krieg auf der katholischen Seite, in Rußland auf polnischer Seite und in seiner zur polnischen Rzeczpospolita (Adelsrepublik) gehörigen Heimat gegen die Schweden. Die Gründung seiner eigenen Stadt war mehr ein Nebeneffekt der Stiftung zweier Kirchen, die er geschworen hatte, falls er die Belagerung von Smolensk überleben würde. Er starb noch bevor er fünfzig war.

Der älteste Name der Stadt lautete Wejherowa Wola oder Weyhers Freiheit und so war es nur konsequent, daß die zweite Rzeczpospolita, das bürgerliche Polen, den Adligen aus ihrem Vorgängerstaat  1919 zum Paten des neuen Stadtnamens erkor: Wejherowo heißt sinngemäß Wejherstadt. Später ging es dann daran, den neuen Namen mit neuem Inhalt zu füllen. Es gelang ihm, so halbwegs, der Sozialismus führte es fort, so halbwegs, da er genug mit anderen Städten an der Ostsee und anderswo zu tun hatte. Eine beliebige Kleinstadt in Wejherowo jedenfalls nicht, falls es solche denn gibt.

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