Medina oder Terrassenhäuser in Eindhoven

Terrassenhäuser sind meist sehr deutlich als solche zu erkennen, wie das folgende im Norden von Eindhoven. Zur großen Veldmaarschalk Montgomerylaan (Feldmarschall-Montgomery-Allee) stehen die oberen beiden der vier Geschosse deutlich über die beiden darunterliegenden über, zur kleinen Pisanostraat (Pisanostraße) ist jedes Geschoß deutlich hinter dem darunterliegenden zurückgesetzt. Zur ersten Seite sind zumeist große Fenster, zur zweiten ausschließlich Balkone.

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Auch der wahrscheinliche innere Aufbau erschließt sich sofort. An der kleinen Straße sind die Eingänge. Das Erdgeschoß ist unter der tragenden Betonkonstruktion weit zurückgesetzt und hier sind die Türen zu den Erdgeschoßwohnungen, die zur anderen Seite Gärten haben, und zu den Treppen, die in die Wohnungen im zweiten Geschoß führen. In der Mitte, wo die beiden Teile des Gebäudes leicht versetzt aufeinandertreffen, ist der Eingang zum Treppenhausturm, der auf der anderen Seite steht. Über ihn oder über Wendeltreppen an den Enden des Gebäudes erreicht man den zur Montgomerylaan zeigenden Laubengang im dritten Geschoß, von dem die Türen zu den Wohnungen in diesen und zu den Treppen in die Wohnungen im vierten Geschoß abgehen.

Diese Konfiguration, durch die alle Wohnungen zu beiden Seiten zeigen, ist eine spezifisch niederländische, die aus dem Mißtrauen gegen typische Geschoßwohnungen und der Sehnsucht nach dem Reihenhaus entstand. Der schwächste Teil dieses Terrassenhauses sind dann ausgerechnet seine Terrassen, die nach oben abgeschrägte Geländer haben, was diese Gebäudeseite als eine einzige schräg ansteigende Fläche wirken läßt und somit bloß eine ästhetische Spielerei ist.

In Eindhovens Zentrum gibt es solche deutlichen Terrassenhäuser nicht. Es ist eng wie so viele niederländische Stadtzentren, wobei dies teils den älteren, aber in ihrer heutigen Form auf die frühe Nachkriegszeit zurückgehenden Häusern und teils allerlei neueren, seit den neunziger Jahren entstandenen Einkaufszentren und Bürokomplexen geschuldet ist. Die Plätze, die es gibt, sind entweder ebenfalls eng und undefiniert oder zu leer wie der Stadhuisplein (Stadthausplatz), der mit seinen Betonrampen ganz offiziell den Skatern überlassen wurde. Und oft ist alles nur abweisend und kahl. Wenn man etwa auf dem öden Vorplatz eines neueren Wohnhochhauses am Vestdijk (Westdeich) steht, blickt man an achtgeschossigen Backsteinfassaden entlang, die unten hohe Kolonnaden haben, ganz egal, ob die Gebäude nun Büro- oder Wohnzwecken dienen.

In dieser Umgebung überrascht es, in der Kneipenstraße Stratumseind um eine Ecke zu schauen und Grün zu sehen, Grün nicht nur, nicht einmal vor allem auf der Erde, sondern auf großen Terrassen.

Mehr noch überrascht es, zwischen den beiden backsteinverkleideten Gebäuden am Vestdijk in eine schmale Gasse zu biegen und hinter dem zweiten, größeren von ihnen große Terrassen mit auch über den Backstein der Seiten hinausquillendem Grün zu sehen.

Das ist Medina.

Anders als bei den Terrassenhäusern in der Vorstadt ist hier erst einmal gar nichts klar. Während es sich zur großen Straße hin monumentale Backsteinformen gibt, ist es zur anderen Seite nur Grün.

Nur ungefähr macht man unter der Vegetation drei zweigeschossige Stufen und zwei abschließende Geschosse mit begrünten Balkonen aus. Doch wie die Seiten erahnen lassen, gibt es auch noch versenkte Innenhöfe und vielleicht anderes.

Die unterste Stufe endet in verglasten Wohnungen, die sich als ganz konventionelle Reihenhäuser ausgeben, ja, sogar Laden- und Galerieräume haben. Auch die davor verlaufende Straße Het College, auf deren anderer Seite drei- und viergeschossige Reihenhäuser stehen, die in den Formen Medina entsprechen oder an es angepaßt sind, ist so eng wie die anderen Straßen des Stadtzentrums, aber anders als sie voller Grün.

Obwohl Medina auf Arabisch einfach Stadt heißt, ist die Assoziation mit einer fruchtbaren und grünen Oase in der Wüste sicher nicht ungewollt und jedenfalls nicht unpassend. Wie bei einer Oase kann man kaum glauben, daß es Medina wirklich gibt, fürchtet eine Fata Morgana. Ein wenig ist die Eindhovener Medina auch ein Trugbild, denn man kann sie nur sehen, nie berühren. In der Straße davor gibt es keine Bänke und die Stufenanlage, die in der Mitte tiefer hineinführt, ist mit hohen Gittern abgesperrt: „Privé terrein“.

Einen öffentlichen Ort kann Medina nicht schaffen, denn nichts haßt der gegenwärtige Kapitalismus mehr als das. Das Hervorquellen des Grüns über seine Terrassen ist schon von den Reihenhäusern gestoppt und schon in der nächsten Straße wenig mehr als eine ferne Ahnung.

Medinas Stärke sind seine Terrassen, während alles übrige zu schwach ist. Dennoch ist es viel, mehr jedenfalls als alles andere im Zentrum von Eindhoven. Das ist umso trauriger, aber auch erstaunlicher, als Medina erst 1999 erbaut wurde, wobei in Eindhoven ja sogar später noch Gutes entstand. Versteckt es sich auch, ist es auch schnell wieder aufgehalten, es ist fortschrittliche Architektur und Erbe des Terrassenhauses draußen im Norden. Der Vergleich der beiden Eindhovener Gebäude zeigt weiterhin: Die Lehre von Alterlaa ist nicht nur, daß Terrassenhäuser der richtige Weg sind, sondern auch, daß sie hängende Gärten sein müssen, schöner und prachtvoller als alles, was Babylon kannte.

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