Archiv für den Monat April 2019

Alma oder Polen im Supermarkt

Alma war ein Luxussupermarkt. Alma war ein Ausdruck des Glaubens der liberalen polnischen Eliten an den Kapitalismus.

Obwohl es Alma seit spätestens 2017 nicht mehr gibt, kann man noch vielerorts Spuren davon sehen. In Sopot etwa, der reichsten Gliedstadt der Trójmiasto, steht recht zentral an einem Parkplatz hinter der großen Durchgangsstraße Aleja Niepodległości (Uabhängigkeitsallee)  ein kleines Einkaufszentrum, in dem Alma das wichtigste Geschäft war.

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Es ist ein verhältnismäßig eleganter Bau, die Verkleidung des eckigen Körpers und das Glas der vorgewölbten Fassade in dunklem Alma-Grün. Heute sieht es gleichzeitig unberührt und verlassen aus. Schilder in den Türen müssen auf die noch geöffneten Geschäfte im Obergeschoß hinweisen. Im Erdgeschoß jedoch blickt man in den Alma-Supermarkt. Logos, Regale, Kassen, alles ist noch da, bloß Menschen, Waren, auch Licht fehlen.

Das Schicksal der Geschäfte oben scheint auch absehbar, der Moment, da die Tauben das Gebäude ganz für sich haben werden, nah, doch wer weiß.

Beim Bahnhof Oliwa in Gdańsk beispielsweise trat an die Stelle von Alma ein Biedronka-Supermarkt. Das ist sehr symbolisch, denn Biedronka, ein von portugiesischem Kapital ausgebauter Discounter mit nettem polnischen Namen (übersetzt Marienkäfer) und entsprechendem Logo, ist eine Art Anti-Alma.

Was Alma sein sollte, sieht man in Sopot noch an einer makellosen Reklame: auf weißem Hintergrund eine Erdbeere und ein Champagnerkorken.

Alma sollte zeigen, daß der Kapitalismus sein Versprechen erfüllt und Polen reich gemacht hat. Diese Vorstellung muß jedem, der Polen kennt, lachhaft erscheinen, doch genau das glaubten die liberalen Eliten, ja, sie glauben es noch heute. Tatsächlich hat sich in der polnischen Gesellschaft seit 1989 eine Oberschicht und auch eine prekäre Mittelschicht, die in outgesourcten Abteilungen westlicher Firmen arbeitet und in hypothekenbelasteten Eigentumswohnungen in engen abgezäunten Wohnanlagen lebt, herausgebildet, während alle anderen bestenfalls durch das Geld, das im Westen arbeitende Familienmitglieder schicken, vor dem schlimmsten Elend bewahrt werden. Die Menschen der neuen Ober- und Mittelschichten hätten bei Alma einkaufen sollten, doch sie waren einfach nicht zahlreich genug oder gingen lieber doch zu Biedronka.

Das Scheitern von Alma ist das Scheitern des Glaubens an den Kapitalismus. Ihm entspricht der Niedergang der PO, der liberaleren rechten Partei Polens. Sie, die Alma-Partei, glaubt noch heute, daß in Polen dank dem Kapitalismus alles wunderbar läuft. Da das für weite Teile der polnischen Gesellschaft, insbesondere außerhalb der großen Städte, nichts mit der Realität zu tun hat, hatte die PiS, die rechtere rechte Partei Polens, ein leichtes Spiel. Als Biedronka-Partei versprach sie zum einen, die liberalen Eliten etwas zu ärgern, und zum anderen, die Härten des Kapitalismus mit bescheidenen sozialpolitischen Maßnahmen etwas zu mildern. Der Sieg der PiS war somit unausweichlich, zumal die Sozialdemokratie, die in der Übergangszeit der Neunziger noch gebraucht worden war, sich vorher durch die Unterstützung sämtlicher liberalen wirtschaftlichen wie reaktionären geschichtspolitischen Maßnahmen selbst abgeschafft hatte, und es auch sonst keine nennenswerte Linke gibt. Wenn man heute Zeichen der sozialdemokratischen SLD sieht, sind das so sehr Relikte einer vergangenen Zeit wie die verbliebenen Genossenschaftsläden von Społem.

Polen hat politisch heute die Wahl zwischen Alma und Biedronka, eine furchtbare Wahl. Und Alma gibt es nicht einmal mehr.

Brücken in Tczew

Venedig des Nordens – so wird Tczew nie genannt. Das liegt vermutlich daran, daß Venedig, zu Recht oder zu Unrecht, als idyllische Lagunenstadt weltberühmt ist, während Tczew als auf den ersten Blick eher trostlose Kleinstadt irgendwo im flachen Land südlich von Gdańsk nicht einmal in Polen weiter bekannt ist. Was Venedig und Tczew jedoch verbindet, ist ihre Abhängigkeit von Brücken.

Tczew ist als wichtiger Eisenbahnknoten ungewöhnlich stark von Bahngleisen zerschnitten. Anders als in anderen Städten dieser Art verlaufen die Gleise dort immer in vertieften Bereichen, während die Stadt mit ihren Straßen und Häusern separiert von ihnen höher liegt. Was für Venedig das Wasser der Kanäle ist, das sind für Tczew die Schienen der Eisenbahnanlagen. Von diesen ist die Stadt in mehrere größere und kleinere Inseln zerteilt, die wie in Venedig mit Brücken verbunden werden müssen.

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Tczew weiß von seiner Verwandtschaft mit Venedig vermutlich nichts. Wenn es etwas an sich findet, worauf es stolz sein will, dann zwar durchaus eine Brücke, aber bloß eine Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Wisła (Weichsel) von 1857.

Mit ihren letzten verbliebenen Türmen und Zinnen zeigt sie alles, was an der historistischen Architektur dieser Zeit falsch war. Denn wie haarsträubend lächerlich ist es, einen solchen stolzen Stahlbau, einen Ausdruck des technischen Könnens und der industriellen Möglichkeiten einer Zeit in die sinnlos gewordenen Formen des Mittelalters zu hüllen! Gegenwärtig wird die Brücke aufwendig restauriert, während die Züge auf einer neueren ehrlicheren Brücke daneben fahren.

Noch zwei weitere markante Brücken hat Tczew und anders als die Eisenbahnbrücke sind sie Teil des Stadtarchipels. Mit der ersten überbrückt die Wojska Polskiego (Straße der polnischen Armee) Schienenstränge, um zwei Inseln der Stadt zu verbinden. Ihr einziger weiter Bogen aus blauem eckigen Stahl führt von der einen Straßenseite auf der einen Seite des breiten Gleisgrabens zur anderen Straßenseite auf dessen anderer Seite und legt sich also schräg über die von Stahlseilen gehaltene Fahrbahn.

Diese einprägsame Asymmetrie ist aus der zwar etwas gesuchten, aber doch einfachen Lösung der Bauaufgabe gewonnen und unterscheidet diese Ende 2011 eröffnete Brücke von vielen anderen jüngeren Brücken in Polen, die, wenn auch auf andere Art als die historistische Weichselbrücke, überladen und kompliziert wirken. Gelungener als die Calatrava-Brücke bei Venedigs Piazza di Roma (Rom-Platz) ist diese Tczewer Brücke allemal.

Tczews Rialto schließlich, das ist die zweite der markanten Brücken: der Bahnhof. In ihm wird die Brücke zum Gebäude. Auf hohen Betonstützen ruht der geschlossene backsteinerne Gang über den Gleisen.

Ganz wie bei der Rialtobrücke in Venedig ist kaum mehr wichtig, welche Orte der Stadt der Bahnhof verbindet, da er selbst ganz Ort eigenen Rechts ist. So weit wie der Markusplatz von Rialto ist Tczews altes Zentrum vom Bahnhof entfernt. Wie dort der Verkehr von Vaporetti (Wasserbussen), Wassertaxis und Motorbooten fließt hier der Nah- und Fernverkehr auf einer der wichtigsten polnischen Bahntrassen unter dem Brückengebäude hindurch.

Beide Brücken passen nach Tczew und hätten es verdient, seine Wahrzeichen zu sein. Aber genau wie in Venedig nur die hunderte prosaischer Brücken eigentlich wichtig sind, zählen auch in Tczew die vielen unbeachteten Brücken.

Sie sind schmucklose Zweckbauten, mal mit stählernem Aufbau, mal ohne, oft in abblätternden Farben, oben Gelb, unten Hellblau, gestrichen, vielleicht haben sie auch Namen. Und sie sind, beinahe ebenso wie in Venedig, entscheidend für das Funktionieren der Stadt. Da Tczew zwei Ebenen hat, eine untere für die Schienen und den darauf fließenden Zugbetrieb und eine obere für die eigentliche Stadt, ist es immer äußerst aufwendig und vielerorts nachgerade unmöglich, anders als über die Brücken von einer Insel zur anderen zu kommen. So auf die Brücken angewiesen, so von ihnen abhängig, meint man, wie in Venedig, daß sie nie da sind, wo sie sein sollten, daß es viel mehr von ihnen geben sollte. Wie in Venedig findet man sich damit ab.

Die Probleme, die einem die Stadtstruktur bereitet, als Ausdruck des Charmes eines jedenfalls besonderen Orts zu empfinden, ist in Nordpolen wohl etwas schwieriger als in Norditalien. Aber hiermit wurde Tczew so genannt: Venedig des Nordens.