Nowy Jork in Gdynia

Selbstverständlich wollte Gdynia wie New York sein. Ein wenig wollte das in den Zwanzigern und Dreißigern jede Stadt und wie sehr erst die neugegründete und rasant wachsende Hafenstadt eines jungen Staats, von der tatsächlich Schiffe nach New York fuhren. Es gibt ein einziges Gebäude, mit dem Gdynia diesem Anspruch nahe kam oder nahe zu kommen glaubte: den Bankowiec (normalerweise etwas wie Banker, hier aber für das Gebäude benutzt), so genannt nach einer Bankfiliale im Erdgeschoß.

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Von seiner New Yorker Seite zeigt er sich an der Ecke der aufs Meer zuführenden Hauptstraße 10 Lutego (Straße des 10. Februar) und der abzweigenden 3 Maja (Straße des 3. Mai). Der weiß verkleidete Baukörper hat ein verglastes Erdgeschoß, in das über einem schmalen Vordach horizontale rechteckige Fenster noch mehr Lichte lassen, sechs normale Geschosse mit regelmäßigen Fenstern in einer schmalen vorstehenden Umrandung aus grauem Stein und zwei weitere Geschosse, die in Stufen kleiner werden. Dieser Abschluß des Dachs ließe sich mit Stufenpyramiden oder Zikkuraten vergleichen, aber besser noch eben mit New Yorker Wolkenkratzern, die ab den 1910er Jahren in Stufen von der Straße zurückspringen mußten, bevor sie unbeschränkt wachsen durften.

Zum Nachbargebäude in der 10 Lutego endet das Gebäude mit einem trapezförmigen verglasten Erker, während in der 3 Maja die Ecke erst seinen Anfang bildet.

Auf die beiden Stufen folgt hier ein halbrund vorgewölbter turmartigen Aufbau mit durchgehenden Fensterbändern, der im unteren Teil der Fassade neben links zurückgesetzten Balkonen zu einer leichten Wellung nach rechts wird. Das Gebäude setzt sich nun sechsgeschossig fort, wobei das Erdgeschoß unverändert verglast und das oberste Geschoß leicht zurückgesetzt ist. Die übrigen Geschosse sind völlig horizontal gegliedert und scheinen Fensterbänder zu haben, obwohl die eigentlichen Fenster teils sehr schmal und vertikal sind und es weitere zurückgesetzte Balkone gibt.

An der folgenden Ecke mit der Batorego (Báthory-Straße) wächst das Gebäude noch einmal um ein siebtes Geschoß an, dessen eigene Ecken offen, aber vom auf einer dünnen runden Stahlstütze ruhenden Dach überspannt sind. In einem ausgesparten Teil der Ecke hängen zudem eckige Balkone in entsprechenden stählernen Stangen. In der Batorego läuft das Gebäude in den zuvor angenommenen horizontalen Formen weiter und es spräche nichts dagegen, daß es das noch lange tut, doch schon bald folgt das Nachbargebäude.

Der zwischen 1936 und 1938 errichtete Bankowiec ist nicht nur eines der größten Gebäude von Gdynia, sondern auch eines der besten. Hier zeigt sich die Stadt ganz auf der Höhe der kapitalistischen Architektur ihrer Zeit. Wie aus dem hohen, massiven, kubischen Eckbau durch die Vermittlung des runden Teils der lange und horizontale Teil entspringt, ist hinreißend schön.

Von New York zum Bauhausstil in einem Gebäude. Denn Gdynia wollte zwar New York sein, war aber viel stärker von den europäischen Architekturmoden der Zeit geprägt. New York war bei der Reise über den Atlantik und in die Ostsee zu Nowy Jork (Neu-York) geworden und der Bankowiec verdankt dem Wiener Hochhaus in der Herrengasse vielleicht mehr als irgendwelcher tatsächlichen amerikanischen Architektur. Mit Gebäuden wie diesem jedenfalls war Gdynia das, was es sein wollte. Es ist jedoch auch immer zu betonen, daß der Bankowiec ein Stück kapitalistischer Architektur innerhalb von Blockrandbebauung wie aus dem 19. Jahrhundert ist. Daß genauso in Wien oder Brno gebaut wurde, und eher früher, spricht nicht für die neue Stadt Gdynia.

Von der Rückseite zeigt sich der Bankowiec grauer, aber nicht schlechter. Regelmäßige Fenster, Balkone mit abgerundeten Geländern aus einem geschlossenen Teil zwischen unten und oben hervortretenden dünnen Stahlstreben und völlig verglaste höhergeführte Treppenhäuser – so könnte auch freistehende Zeilenbebauung wie in Frankfurt oder Rathenow aussehen. In der Tat könnte dieser mittlere Teil alleine stehen, denn er wurde nach dem Eckteil an der 10 Lutego erbaut und ist mit ihm wie mit der zweiten Ecke nur durch die Fassade, nicht aber baulich verbunden.

Bei der höheren Ecke wird die Rückseite denn auch verwinkelter, ähnlicher dem Schlechtesten von New York. Und aus den damals teuren und heute wohl bereits wieder teuren Wohnungen geht der Blick auf eine vegetationslose Hinterhoflandschaft.

Es mindert den Wert des Gebäudes nicht, daß es nicht über seine Zeit hinausging. Etwas schade ist es dennoch, daß Gdynia nicht wußte, wie viel mehr als New York es hätte sein können wollen.

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