Der (fast) vereinigte Platz – Zweiter Teil

Es ist nicht so, daß das Leben des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung), des Herzens von Iași, Symbole bräuchte, denn es ist immer offensichtlich. Bei schönem Wetter und im Sommer spätestens, wenn die Sonne nicht mehr zu hoch steht, ist jede Bank und manche Stufe des Vereinigungsdenkmals besetzt. Familien füttern die Tauben, die tagsüber auf dem glatten Pflaster und nachts auf den Dächern und Simsen zu Hause sind, Kinder jagen ihnen nach. Unzählige Passanten durchqueren den Platz. Dieses Leben ist der einfachste Beweis dafür, wie gelungen der Piața Unirii ist und was für großartige Orte die fortschrittliche Architektur zu schaffen vermag.

Der Platz ist ein recht typisches Beispiel für ein städtebauliches Ensemble aus den sechziger Jahren in einem sozialistischen Staat, das von der Rotterdamer Lijnbaan inspiriert ist, ähnlich wie etwa die Prager Straße in Dresden. Er macht dabei alles richtig, er ist ein großzügiger, offener, trotz vertikaler Dominante und überkommenem Denkmal nichthierarchischer, demokratischer Platz. Und er ist mehr als ein Platz.

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Schon der beschriebene Boulevard, der auf Stadtplänen seinen Namen trägt, ist zwar mit ihm verbunden, aber auch ein Ort für sich, und hinzu kommen viele weitere Verbindungen mit der Stadt.

Jenseits der Straße, die die Grundseite des Platzes bildet, folgt sein zweiter Teil. Hier stehen drei zehngeschossige Punkthochhäuser mit Wohnungen und zwischen ihnen sind zweigeschossige gläserne Pavillons.

Mit einem rechteckigen Raster ähnelt die Fassade der Punkthäuser der des Hotels, doch hier ist es auf schmale Streifen reduziert und die Fenster nehmen nicht die gesamte Fläche ein. Auch den rechteckigen Grundriß und die Ausrichtung der Schmalseiten zum Platz haben sie mit dem Hotel gemein. Auf den Dächern sind Terrassen mit Geländern und einem auf schmalen runden Stützen ruhenden umlaufenden Betonstreifen. In den zweigeschossigen Sockeln bilde eckige steinverkleidete Stützen Kolonnaden mit Läden.

Mit den Pavillons, in denen beispielsweise eine Buchhandlung ist, sind die Breitseiten der Punkthäuser durch Vordächer, eigentlich eher Betongitter mit unregelmäßig rechteckigen Öffnungen, verbunden.

Links schließt nach dem letzten der Punkthäuser das Cinema Victoria (Kino Victoria) den zweiten Teil des Platzes ab.

Es ist ein freistehender Pavillon anderer Art, höher, auf rechteckigem Grundriß und ganz aus meist vertikalen Streben zusammengesetzt, die teils Kolonnaden bilden oder aus denen wie schwebend kleine Balkone hervorstehen und die es doch nie monumental wirken lassen. Es ist wie ein Schmuckstück, ein Würfel in einem unbekannten Spiel, und was könnte für ein Kino besser passen?

Geht man zwischen den Punkthäusern und den Pavillons hindurch, führen Treppen ein Stück hinab in den Parcul Junimea (Park der Jugend).

Es sind nur Meter vom Platz dorthin und doch ist er ein Ort mit ganz eigenem Charakter, der zugleich auch Teil des weiteren Ensembles ist.

Hier ragen die Punkthäuser hinter hohen Bäumen auf, es gibt Skulpturen und Büsten rumänischer Persönlichkeiten, Spielplätze, viele Bänke und angrenzend stehen größere ältere Gebäude, nach denen dann ärmere Bereiche am Hang und im Tal des Bahlui folgen.

Rechts steht in der querenden und sich hier spaltenden Straße zwischen den beiden Platzteilen ein historistischer Eckbau mit großer Kuppel.

Entlang von ihm oder auch entlang des Hotels Traian links gelangt man in ältere Teile des Stadtzentrums mit vermischter Blockrandbebauung, in deren beliebigen, meist historistischen Formen sich die Bourgeoisie repräsentiert hatte. Und beide, Eckbau und Hotel, dürfen als Repräsentanten des Alten Teil des fortschrittlichen Ensembles werden.

Aber links, wo die Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße) schräg vom Platz abzweigt, ist die Blockrandbebauung schon deutlich aufgelockert. Sie ist eine Fußgängerzone und man merkt kaum mehr, daß sie  Teil der überkommenen Prunkachse durch die Stadt ist. Frei steht dort der Bau des Cinema Trianon, zuvor Republica (Kino Trianon/Republica), und frei steht auch ein kleiner historistischer Palast, einst Sitz des vereinigenden Fürsten Alexandru Ion Cuza und nun passenderweise Museul Unirii (das Museum der Vereinigung).

Ihm gegenüber ist ein großer runder Grünbereich, über den man zu einer Kirche blickt, während sich ein flaches Restaurantgebäude geschwungen um ihn legt.

Um das Eckgebäude rechts des Platzes neben dem Hotel gelangt man in einen Bereich, der zwar auch der Anlieferung der Läden und Restaurants dient, aber vor allem große Grünflächen mit Spielplätzen hat und an ein weiter hinter der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) zurückgesetztes historistisches Gebäude anschließt.

Auf der zweiten Ebene des Boulevards, gegenüber dem Ende des Hotelvorbaus, ist im Gebäude links ein aufgestützter Durchgang, durch den man in einen kleinen Park hinter dem Cinema Trianon und dem Museum, wo noch eine kleine Kirche steht, gelangt.

Der Fußgängerboulevard selbst führt zu einer großen Straße, die Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit) heißt, aber trotz weitgehend sozialistischer Bebauung ein Boulevard weit konventionellerer Art, einer aus dem 19. Jahrhundert, ist. Links öffnet sich der ebenfalls konventionellere Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) mit seinem Denkmal,

während rechts etwas verloren und äußerst bedeutsam der Turm von Sfântul Spiridon (Sankt Spyridon) steht.

So trägt der Piața Unirii seinen Namen in mehrfacher Hinsicht zurecht. Nicht nur erinnert er an die Vereinigung der beiden rumänischen Fürstentümer, sondern er vereinigt auch verschiedene Teile der Stadt. Wie ein wirkliches Herz wäre er wenig ohne die Blutbahnen im Stadtkörper. Er ist das beste und wichtigste städtische Ensemble in Iași.

Bloß eine neuartige Verbindung zum Bahnhof, zu dem es hinter dem Cinema Victoria nicht mehr weit ist, schafft der Piața Unirii nicht, aber das wäre auch eine städtebauliche Aufgabe für sich, das ist ihm nicht vorzuwerfen. Der einzige wirkliche Mangel, den auch er, so gelungen er ist, hat, hat er wegen der Straße, wie das so oft der Fall ist. Sie trennt ihn letztlich in zwei Plätze, den eigentlichen beim Hotel und einen zweiten kleineren bei den Punkthäusern. Auf dem zweiten Teil sind zudem viele, zu viele Parkplätze, obwohl vor den Punkthäusern immerhin Bäume stehen und es vor dem Cinema Victoria immerhin einen Bereich mit Bänken und Hochbeeten gibt. Nun bemühte sich der Platz durchaus, seine beiden Teile zu verbinden, zu vereinigen. Es gibt eine Unterführung und mit ihren drei Eingängen, einem runden zentralen Raum um eine dicke runde Stütze und glatter sandfarben gemaserter Steinverkleidung ist sie sogar großzügig und angenehm gestaltet.

Ihr einziges Problem sind die Eingänge, die aus je zwei Treppen bestehen, aber großzügige offene Anlagen mit Rampen sein müßten.

Das Traurige, ja, das Tragische ist, daß dafür Raum genug gewesen wäre. Es wäre wirklich nur nötig gewesen, die Unterführung als wirklichen Teil des Platzes statt nur als Bindeglied, zu begreifen.

Nur sehr wenig hätte mithin gefehlt und der Piața Unirii wäre perfekt gewesen. Doch sein einziger Mangel schmälert seine Größe kaum. Er ist dennoch das Herz von Iași und die Stadt kann sich glücklich schätzen, ihn zu haben.

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