Ein Albtraum von Gotenhafen

Wenn man in Gdynia den Hauptbahnhof hinter sich läßt und mit der SKM (Stadtschnellbahn) weiter nach Norden fährt, sieht man rechts die weite Industrielandschaft des Hafens und links vermischte Bebauung vor den Hügeln. Doch plötzlich taucht darin ein Monster auf.

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Es ist ein Gebäude so böse, daß es alles andere überdeckt. Schon höher am Hang, durch einen weiten kahlen Vorbereich von der großen Morska (Meeresstraße) getrennt, steht es da. Besonders groß ist es den bloßen Daten nach nicht einmal: der Hauptteil hat fünf Geschosse, wobei das unterste halb unterirdisch ist, und dahinter ist in der Mitte ein noch einmal zwei Geschosse höherer Teil. Aber es will groß sein und alles um sich herum kleinmachen. Die vertikalen Linien der Fenster der vier unteren Geschosse sowie der Putzflächen zwischen ihnen werden von den schmalen vertikalen Ritzen des fünften Geschosses vom bloß Monumentalen ins Monströse verstärkt. Wie Schießscharten oder Pechnasen mittelalterlicher Burgen drohen sie der Umgebung entgegen.

In der Mitte ist der Eingangstrakt deutlich vorgesetzt und ein riesiger tiefer Rundbogen mit vertikalem Streben erstreckt sich über die ersten vier Geschosse. Oben sind wieder die Schießscharten und das noch weiter als sonst schon überstehende Dach, dessen Wirkung durch antikisierende Kranzgesimse noch verstärkt wird.

Dieses durch und durch reaktionäre Gebäude baute sich im Jahre 1929 das Instytut Handlu Morskiego (Institut für Seehandel). Wie eine feindliche Zwingburg sitzt es über dem Hafen, der einem zu Füßen liegt, wenn man aus seinen Fenstern blickt oder aus seiner Tür tritt. Dort die modernste Technik, die zu klarsten Formen zwingt, hier eine unsäglich rückwärtsgewandte Architektur.

Doch diese Verbindung war in der Zwischenkriegszeit nichts Besonderes. Architektur galt noch immer weithin als etwas, das würdevoll und schmückend der Technik entgegengesetzt sein müßte. Reaktionäre Architektur wie diese in Gdynia entstand in den Zwanzigern überall, ob nun in bürgerlich-demokratischen Staaten wie der Tschechoslowakei oder Deutschland, im faschistischen Italien oder eben in einer Quasi-Diktatur wie Polen. Politische Schlüsse lasen sich daraus also nicht ziehen, aber es genügt ein einziger Blick auf das Instytut Handlu Morskiego, um zu spüren, wie wohl sich in ihm nach 1939 die neuen deutschen Herren der Stadt, die sie in Gotenhafen umtauften, gefühlt haben müssen. Denn in dieser Architektur war schon viel von Gotenhafen angelegt, bevor irgendwem dieser perverse Name eingefallen wäre.

Gdynia selbst war 1939 bereits viel weiter, war es auch 1929 eigentlich schon gewesen. Trotz all ihren Mängeln sind die übrigen Teile der Stadt glücklicherweise viel näher an der Klarheit des Hafens als an der Menschenfeindlichkeit des Seehandelsinstituts.

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