Gdańsker Tore

In Gdańsk haben sich zwei deutlich verschiedene Typen von Stadttoren enthalten. Die Tore des ersten Typs entstanden als Teile der weiten Festungsanlagen um die Stadt im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Von dem zentral gelegenen Brama Wyżynna (Hohen Tor)

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

über das vom Autoverkehr umflossene Brama Żuławska (Żuławer Tor, historisch Langgartner Tor) am Rande

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

bis hin zum in den übriggebliebenen Festungsteilen gelegenen Brama Nizinna (Niederen Tor, historisch Leegetor, von einem niederdeutschen Wort für niedrig)

– sie sind in einer Art martialische Renaissance, die recht eigentlich keine Stilbezeichnung braucht, gestaltet. Backstein und betont grauer Stein in horizontalen Blöcken, der aber nur der Dekoration dient, da die eigentliche Konstruktion aus Backstein ist, kaum Schmuck, die Jahreszahl, die Wappen. Diese Tore sollen nicht einladen, sondern abweisen. Vielleicht wollen sie den Krieg nicht, aber sie sind für ihn bereit.

Zur Festung gehört auch ein Tor, das zu keinem der Typen so wirklich paßt, aber für Gdańsk vielleicht wichtiger war als beide von ihnen.

Es nach den üblichen Definitionen vielleicht nicht einmal ein Tor, sondern, ja, was eigentlich? – ein befestigter Wasserweg letztlich.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Dort, wo die Motława (Mottlau) in die Wasserflächen vor den Festungsanlagen mündet, ist sie an beiden Seiten von niedrigen Mauern aus grauen Steinen umgrenzt, die die Fahrtrinne vom umgebenden Wasser trennen.

Die Ränder dieser Mauern steigen schräg an, so daß sie als Dreiecksformen aus dem Wasser ragen.

Bei ihre Anfang und ihrem Ende, aber schon deutlich abgesetzt vom Ufer, stehen in ihr runde Türme, die nach einer vertieften und vorstehenden Bordüre mit Kuppeln enden, in denen als Abschluß verkleinerte Versionen dieser Zylinderform mit Kuppelabschluß sind.

Nach diesem Weg erst folgen die Schleusen, Tore im Wasser, die dieser Anlage den Namen Śluza Kamienna (Steinschleuse) zubrachten.

Mauern wie Türme der Schleuse sind wohl so sehr warnende Machtdemonstration wie die übrigen Festungstore, aber da sie im Wasser stehen, wirken sie doch völlig anders. Hier, über das Wasser, war der wichtigste Zugang in die Hafenstadt Gdańsk. Hier gelangten die Schiffe von der Wisła (Weichsel) in die Stadt und durch sie weiter in die Ostsee. Hier zeigt sich auch die Festungsarchitektur von ihrer besten Seite, hier setzte sie eine Toranlage für Schiffe ins Wasser. Während viele Städte ähnliche Festungsanlagen und Tore hatten, gehört die Steinschleuse, das Wassertor, ganz allein Gdańsk.

Die Gdańsker Tore des zweiten Typs sind älteren Ursprungs und zeigen auf andere Art die Verbindung von Stadt und Wasser. Alle großen Straßen von Gdańsks altem Kern, der sogenannten Główne Miasto (wörtlich Haupt-, historisch Rechtsstadt), die nicht mit der angrenzenden Stare Miasto (Altstadt) zu verwechseln ist, verlaufen parallel zueinander und mehr oder weniger gerade auf das Ufer der Motława zu. Und am Ende jeder dieser Straßen ist ein Tor, das sie von den Kaianlagen trennt und sie mit ihnen verbindet. Deutlicher könnte eine Stadt kaum zeigen, was ihr am Wichtigsten ist: das Wasser, der Hafen. Genau hier, vor den Stadttoren der Główne Miasto, legten die Schiffe, die durch die Steinschleuse gefahren waren, an.

Es ist nun auch keine Überraschung mehr, daß das markanteste und berühmteste dieser Stadttore am Wasser nur nebenbei ein Tor und hauptsächlich ein mächtiger Kran ist, dessen hölzerne Konstruktion in mehreren Stufen weit über die Kais ragt.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Neben diesem Brama Żuraw (Krantor) sind die anderen Tore bescheidener, beinahe könnte man ihre spitzbögigen Durchgänge übersehen. Um Bedeutung heischt einzig noch das Brama Zielona (Grüne Tor), das über die wichtigste Brücke auf den Długi Targ (Langen Markt), den zentralen Platz der Główne Miasto führt und sich heute in lebloser wiederhergestellter Renaissance zeigt. Der Platz, eigentlich nur eine verbreiterte Straße, läuft wie alle anderen auf den Fluß zu und setzt sich in die andere Richtung als Ulica Długa (Lange Straße, historisch Langgasse) fort. An ihrem Ende steht das Brama Złota (Goldene Tor), das einzige erhaltene ältere Tor, das nicht zum Wasser zeigt und zugleich das prachtvollste und schönste.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Dieser Torbau ist horizontal in zwei Hälften geteilt und vertikal durch vier vorgesetzte Säulenfolgen in drei Teile. In der Mitte der unteren Hälfte ist der große rundbögige Tordurchgang für Fuhrwerke, während die beiden schmaleren Seitenteile nur unten eher kleine rechteckige Durchgänge für Fußgänger haben. Durch alle gelangt man ins Innere des Tors, das von einer komplizierten Gewölbedecke abgeschlossen wird. In der oberen Hälfte sind vier große rundbögige Fenster. Offenkundig ist dort ein großer Saal, der durch einen an der rechten Seite schräg ansteigenden überdachten und geschlossenen Treppenbau erschlossen ist. Die Säulen ruhen selbst auf Sockeln und sind unter der oberen Hälfte und unter dem Dach mit Gesimsen, die bei ihnen vortreten, an das Gebäude angefügt. Um das flache Dach verläuft ein steinernes Geländer, so daß beinahe ein weiteres offenes Geschoß entsteht. All das ist dem Tor sofort abzulesen, beide Seiten sind identisch und auch, daß es aus Backstein gebaut und grauweiß verputzt ist, verheimlicht es nicht.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Der Schmuck, teils golden, woher es seinen Namen hat, stört die klare Konstruktion nicht. Die Kapitelle der unteren Säulen sind ionisch, die der oberen korinthisch. Auf den Steinwürfeln zwischen Kapitellen und Gesimsen sind unten die Fratzen von Löwen und oben die von Menschen, die aber als flache goldene Reliefs nicht abschreckend wirkend und es nicht einmal wirklich sein wollen. Unter dem Dach verläuft ein ornamentales Band, das ebensogut fehlen könnte. Auf den Abschlüssen der vier Säulen stehen schmale Sockel mit etwa lebensgroßen allegorischen Skulpturen, die zwar zu weit entfernt sind, um wirklich betrachtet werden zu können, aber auch nicht von oben herab drohen. Die übrige Ornamentik ist zumeist floral, vegetal, ohne je verschlungen zu sein. Die Schlußsteine der Fenster sind Blattformen und zwischen den mittleren Fenstern ist eine große vertikale Zapfenform unter einer halbgoldenen Halbkugel.

An einigen Stellen gibt es auch nachgeahmte Steine wie bei den Festungstoren, aber die sind goldgerahmt nurmehr Zitate von Wehrarchitektur ohne eigene martialische Wirkung.

Das wichtigste, mehr Information als Ornament, hebt sich das Brama Złota für die untere Hälfte auf. Im Schlußstein des Torbogens ist das Stadtwappen und in den Flächen um die Kapitelle der unteren Säulen sind Inschriften in großen goldenen Buchstaben. Die an der äußeren Seite ist auf Deutsch und lautet: „Es müsse wolgehen denen, die dich lieben, es müsse Friede sein inwendig in deinen Mauren und Glück in deinen Palästen Psa122.“ Damit vergleicht sich Gdańsk unbescheiden mit Jerusalem und wieso auch nicht. Die Inschrift richtet sich an die Ankommenden und wollte wirklich gelesen werden. Die an der inneren Seite ist auf Latein und lautet: „Concordia res publicæ parvæ crescunt, discordiæ magnæ concidunt“ (Durch Eintracht wachsen kleine Republiken, durch Zwietracht fallen große“. Sie war wohl eher eine Spielerei für gebildete Bürger der Stadt.

Mit dem 1612 errichteten Brama Złota repräsentierte sich Gdańsk in seiner Blütezeit als wichtigster Hafen der Rzeczpospolita (polnischen Adelsrepublik). Es ist ein Renaissancebau mit vollkommen menschlichem Maß, der Modernität und Weltoffenheit zeigen sollte. Es gehört heute mit großem Recht zu den berühmtesten Bauwerken der Stadt, mit deren steilen Backsteingotik ihre horizontalen Renaissanceformen jedoch nichts zu tun haben.

Dieses Brama Złota, dieses Goldene Tor nun steht in einer Linie mit dem weiter außen befindlichen Brama Wyżynna (Hohen Tor), doch man kann sie wegen der großen backsteinernen Turm- und Zwingeranlage zwischen ihnen kaum je zusammen sehen.

Sie sind auch so verschieden, daß sie auch verschiedenen Städten, Zeiten, Welten stammen könnten. Wo das Brama Wyżynna martialisch und grau ist, ist das Brama Złota zärtlich und hell. Wo jene abweisen und die Stärke der Stadt präsentieren will, will diese einladen und deren Kunstinnigkeit vorzeigen. Beide Tore wurden sogar in relativ geringem zeitlichen Abstand erbaut, aber sie dienten eben völlig verschiedenen Funktionen und zeigen das auch überdeutlich.

Zu einer Synthese finden die Gdańsker Tore der beiden Typen also nie, zu verschieden die Zeiten und Zwecke ihres Entstehens. Ihre beiden Höhepunkte aber sind ein Bau, der intim mit dem Gdańsk ausmacht verbunden ist – die Steinschleuse als Nichttor im Wasser – und einer, der radikal mit allem, was Gdańsk zuvor geprägt hatte, bricht – das Brama Złota. Irgendwo dazwischen ist Gdańsk.

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu „Gdańsker Tore

  1. Pingback: Forum Gdańsk | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.