Oliwa auf dem Lidlparkplatz

An der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) im Gdańsker Stadtteil Oliwa, gegenüber vom Straßenbahnwendekreis, wurde vor einer Weile ein neues Gebäude errichtet. Es hat eine Verkleidung aus Kunststoffplatten in Grau-, Beige- und Weißtönen, als wolle es nur ja nicht auffallen, und einige spitze Dreiecksgiebel, als wolle es Bezug auf irgendetwas Historisches nehmen.

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Bloß ist nicht klar, was dieser Bezugspunkt sein sollte. Schmale Häuser mit spitzen Giebeln gibt es im Zentrum von Gdańsk, doch das ist acht Kilometer entfernt und alle älteren Gebäude der Umgebung sind vom Historismus der Kaiserzeit geprägt. Man kann nicht einmal sagen, daß dieses neue Gebäude also Nachahmungen nachahme, denn die Mietshäuser an der Grunwaldzka haben keinerlei lokalen Bezug, sondern unterscheiden sich nicht von dem, was zeitgleich anderswo in Deutschland gebaut wurde.

Gut kann man das an den großformatigen Schwarzweißphotos, die im Vorbereich des Lidl-Supermarkts im Erdgeschoß hängen, sehen.

Sie zeigen alte Straßenszenen, die überall entstanden sein könnten und nichts spezifisch mit Gdańsk oder Oliwa, damals Danzig und Oliva, zu tun haben. Sogar die Nepomuksäule vor einem nahen Gebäude war damals von Bäumen verdeckt, was Zufall oder aber antikatholische preußische Maßnahme gewesen sein mag.

Dadurch paßt das neue Giebelgebäude auf traurige Weise doch wieder, denn genauso wie seine älteren Nachbarn könnte es überall in Europa gebaut werden und einen Bezug auf etwas Historisches behaupten. Zum umgebenden Historismus ist es der Neohistorismus.

Und wo hinter einem alten preußischen Gebäude ein Hinterhof wäre, ist hinter diesem der Parkplatz von Lidl. Auf dessen großen umzäunten Fläche ist man inmitten von freistehenden Mietshäusern, wie sie alle Seitenstraßen in Oliwa prägen.

Diese ursprünglich bürgerlichen Gebäude, die so tun, als seien sie Villen, bekamen durch die Umwälzungen des Sozialismus und des Wechsels von deutscher zu polnischer Bevölkerung eine gemischtere Bewohnerschaft. Ihre Gärten grenzen direkt an den hohen Zaun, so daß man die ungewöhnliche Möglichkeit hat, sie nicht bloß von der Straßenseite zu sehen. Betreten jedoch kann man sie so wenig wie die Bewohner den direkten Weg zu Lidl nehmen können. Hierin zeigt sich die gegenwärtige kapitalistische Architektur noch etwas perfider als die preußische, da ein Hinterhof zwangsläufig abgeschlossen ist, der Zaun aber eine ganz willkürliche und bösartige Absperrung möglicher Wege und Verbindungen ist.

Während vor hundertfünf Jahren der Weg des städtebaulichen Fortschritts noch verschlossen scheinen konnte, liegt er heute auf dem Lidlparkplatz offen da.

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Ein Gedanke zu „Oliwa auf dem Lidlparkplatz

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