Die nackte KFZ-Werkstatt

Vielleicht würde man dieses Gebäude übersehen, wenn es sich gegenwärtig nicht als so kahle und scheinbar funktionslose Betonarchitektur zeigen würde. Vielleicht würde es dann weniger als Fremdkörper wirken, dort am Rande der Siedlung Siemensstadt aus den zwanziger Jahren, ganz am Ende des langen Saatwinkler Damms, kurz vor dem großen Haselhorster Damm, wie die Straßen sehr Berlinerisch heißen, und unweit der Biegung eines ebenfalls sehr Berlinerischen Kanals.

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Zur Straße hin öffnet sich ein zurückgesetztes Erdgeschoß, das in der linken Hälfte weit höher ist als in der rechten. Beim Ende der linken Hälfte hat es zwei eckige Stützen und in der Mitte der rechten eine weitere. Genau zwischen den ersten beiden Stützen ragt ein dünnes Vordach mit rechteckiger Fläche nach vorne, wo es auf zwei runden Stützen ruht. Offen jedoch wirkt das Erdgeschoß keineswegs, da es an den Seiten von den Wänden des Gebäudes und oben vom Dach begrenzt wird. Das Dach ist erst ein schmaler Streifen, wird nach dem Vordach zur hohen Wandfläche und endet nach der rechten Stütze, wo es ebenfalls eine Stufe beschreibt, wieder schmal. So macht das Gebäude einen stark kubischen, geradezu schachtelartigen Eindruck, wie ein Bauklotzsatz aus Beton, und gibt dem Erdgeschoß einen strengen Rahmen vor.

Dabei ist gleich offenkundig, was hier war: eine KFZ-Werkstatt mit Tankstelle. Ganz links die großen verglasten Tore des Werkstattraums, daneben noch stärker verglast der Büro- und Kassenraum. Zwischen den eckigen Stützen im Boden letzte Spuren der Zapfsäulen, die zweifelsohne schon lange vor der Werkstatt den Betrieb eingestellt hatten. Doch es gibt keinerlei Schilder, keinerlei Werbung, die Räume sind leer, der Beton kahl – die Werkstatt ist nackt, ihr fehlt alles, was sie zur Werkstatt macht, sie ist eine Hülle.

Das gilt gleicherweise für das übrige Gebäude. Die befremdliche Nacktheit kann davon ablenken, daß es viel zu groß ist, um nur eine KFZ-Werkstatt beherbergt zu haben. Der Werkstattraum nimmt nur einen Teil der Gebäudetiefe ein, es setzt sich nach hinten noch weit fort. Rechts ist neben einer milchig verglasten Männertoilettentür eine weitere breite Einfahrt mit Rolltor. Die andere Seite des Gebäudes erklärt dann alles:

in der linken Hälfte ein langes undurchsichtiges Fensterband, in der rechten Hälfte zwei übereinander, eins etwas niedriger, eins etwas höher angeordnet als das linke.

Für normale Geschosse sind sie zu niedrig, nicht aber für Parkplätze. Das Gebäude ist ein Parkhaus und kein ganz kleines, denn es hat fünf Ebenen, drei innen und zwei auf dem Dach. Aus hinreichender Entfernung sieht man von vorne, wie über der Auffahrt zur rechten Dachfläche ein schräges Dach aufsteigt.

Doch auch auf die Parkhausnutzung deuten keinerlei Schilder, keinerlei Wegweiser mehr hin. Das Gebäude ist wirklich nur eine Hülle aus Beton. Vielleicht würde man es übersehen, wenn es anders wäre. So aber wird das Gebäude, das nie anders als funktional sein wollte, zu einer Skulptur, wird das Gebäude, das nie einen Stil haben wollte, zum Exponent des sogenannten Brutalismus, wird das Gebäude, das nie auffällig sein wollte, zur Attraktion. Vermutlich steht ihm der Abriß bevor, vermutlich wird an der Stelle in ein paar Jahren ein fünfgeschossiges Wohngebäude stehen, weil sich Wohnbau in Berlin auch in Randbezirken wieder lohnt. Für eine kurze Zwischenzeit aber kann hier ein ganz archetypischer westdeutscher Gebäudetyp von seiner Funktion losgelöst erkundet werden: das Parkhaus mit KFZ-Werkstatt und Tankstelle. Wenn die Automobilisierung der fünfziger und sechziger Jahre ein architektonisches Symbol hat, dann wohl solche Gebäude. Ungewöhnlich an diesem am Saatwinkler Damm ist nur, daß es nicht in einer Innenstadt und außerdem ganz frei stand. Das ist heute sein Glück oder das des Betrachters. Es ist ein Lehrbuchbeispiel, ein Modell seiner selbst: das Parkhaus des reichen Manns.

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Ein Gedanke zu „Die nackte KFZ-Werkstatt

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