Erkundungen auf Friedhöfen: Das Reihenhaus des Todes

Straßen wie diese gibt es in den Niederlanden tausende. Zweigeschossige rote Backsteinreihenhäuser mit kleinen Vorgärten, die Entstehungszeit an den gemäßigt historistischen Stilen kaum abzulesen. So könnte man die St Jorislaan in Eindhoven tausendmal entlanggehen, ohne zu bemerken, daß eines der Reihenhäuser nicht ganz paßt.

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Im Erdgeschoß ist statt der Tür und des großen Fensters ein Tordurchgang mit Gewölbe, vor dem etwas höheren Dach ist eine Art Erker, der im Obergeschoß von Atlanten in zwei Variationen des heiligen Georg getragen wird und in einer Art Türmchen mit Kreuz endet.

Durch das Tor blickt man auf eine lange dunkle Allee und begreift: dort ist ein Friedhof. So surreal es scheint, mitten zwischen den Reihenhäusern einen Friedhofseingang anzuordnen, genau so geschah es Ende des 19. Jahrhundert dem St Joriskerkhof (Sankt-Georgs-Friedhof).

In der Wohnung über dem Durchgang wohnte oder wohnt der Kapelaan (Kapelan), so daß der Friedhof ihr Garten wird. Diese Vorstellung mag etwas unheimlich sein und der Ort tut mit der engen und dunklen Tannenallee in seiner Mitte auch wenig, dieses Gefühl zu zerstreuen. Die Gräber stehen quer neben der Allee und im Halbrund um ein großes Kruzifix bei ihrem Ende.

Als ziehe der Ort das an, findet man auf dem Friedhof zwei ungewöhnlich unheimliche Gräber. Es sind Kindergräber, die ohnedies immer besonders traurig sind.

Das erste ist das Grab eines Mädchens namens Louise Adoplhine Theonie de Block, das 1878 im Alter von nicht einmal vier Jahren starb. Der Name auf dem podestartigen Sockel ist dabei viel schwerer zu lesen als ihr marmornes Ebenbild, das auf dem Sockel in einem satteldächigen Glaskasten liegt, zu sehen ist. Sie liegt leicht seitlich auf einer Liege mit Kissen, trägt zeittypische bürgerliche Kinderkleidung, hat den Kopf in die rechte Hand gestützt, scheint zu schlafen.

Die Skulptur wäre noch nicht gar so ungewöhnlich, aber der Glaskasten um sie ist es in großem Maße. Man denkt an Schneewittchen oder aber an Brutkästen und begreift nicht, was für eine Art Trost es den Eltern gegeben haben mochte, ihre Tochter in Stein, scheinbar schlafend und hinter Glas auf dem Friedhof zu besuchen.

Das zweite ist das Grab eines Jungen namens Herman, der 1936 im Alter von nicht ganz fünf Jahren starb. Vor einer spitzbögigen schwarzen Steinplatte steht er ganz aus Bronze in Matrosenhemd, kurzer Hose und mit Roller auf einem niedrigen Sockel mit seinem Namen.

Wo die Familie de Block ihre Tochter schlafend zeigte, entschied die Familie hier, ihren Sohn lebend in einer Alltagssituation zu zeigen. Wo das Mädchen eine verwirrende Fülle von Vornamen hatte, ist der Junge bloß Herman, schon die Lebensdaten sind kleiner und schwer lesbar, ein Nachname fehlt. Wo allerdings die schlafende Skulptur etwas immerhin Friedliches hat, das erst durch den Kontext unheimlich wird, erinnert die stehende Plastik des Kinds mit großem, leicht gesenktem Kopf, unklarem Lächeln, starr nach vorne gerichtetem Blick, streng gescheiteltem, doch gewiß blonden Haar, und direkt über dem Kopf im Stein hängenden Kreuz an irgendeinen Horrorfilm, wozu gewiß auch die unregelmäßigen Verfärbungen des Kupfers beitragen. Hier ist noch unklarer, was die Eltern sich dabei gedacht haben mögen.

Kindergräber sind traurig und umso mehr, wenn sie wie bei diesen beiden Darstellungen den Tod nicht hinnehmen und die Kinder zu Untoten machen wollen, umso mehr, wenn die Eltern ihrer Trauer aus Übermaß an Geld und Mangel an Geschmack solch traurige Formen geben. Aber auf traurige Art passen Louise und Herman in dieses Reihenhaus des Todes.

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