Schloß Slavkov u Brna oder Von der Aktualität des Barock

Nicht alles am Barock braucht uns zu interessieren. Das Schloß von Slavkov u Brna (Slavkov bei Brno, international besser bekannt als Austerlitz wegen der napoleonischen Schlacht, die in der Nähe stattfand) beispielsweise hat einen Vorhof. Er beginnt scheinbar rund zwischen zwei viertelkreisförmigen flachen Vorbauten und sich nach außen geschwungen öffnenden Teilen des eigentlichen dreigeschossigen Schlosses,

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setzt sich gerade und recht eng zwischen den Flügeln des Schlosses, aus denen sich Arkaden öffnen, fort

und endet wiederum rund im offenen Erdgeschoß eines vorgewölbten Gebäudeteils mit Kuppel.

Dieser Ehrenhof war für das Schloß zweifelsohne sehr wichtig, diente er doch zu tausend heute kaum mehr nachvollziehbaren Empfangs- und Disktinktionsritualen zwischen Adligen. Doch uns muß er nicht interessieren. Diese gesellschaftliche Klasse ist so tot wie die der ägyptischen Pharaonen und wenn sich auch heute noch Menschen als König oder Prinz bezeichnen, sollten wir darauf reagieren, wie wir reagieren würden, wenn sich uns jemand als Pharao vorstellte: mit Lachen.

Weit interessanter sind die Beziehungen des Schlosses zu seiner Umgebung. Vom runden Hof führt auf der einen Seite eine weite Allee in den Wald auf dem nächsten Hügel und auf der anderen eine Rampe in die Stadt hinab. Direkt hinter einem der Flachbauten steht die Stadtkirche, ragt mit dem riesigen Satteldach und der Uhr auch darüber hinaus, doch zu Hof oder Schloß hat sie keinerlei Bezug.

Sie ist, sehr ungewöhnlich für das Österreich auch noch des Jahres 1789, ein völlig klassizistischer Bau und dominiert mit ihrem riesigen Tempelportal die Hauptstraße von Slavkov.

Das Schloß hingegen hat an seinem Ort keinerlei Interesse, nichts an ihm ist an diesen gerichtet. Die Kirche wirkt da, als habe ein weitsichtiger Imageberater der Adelsfamilie geraten, sie solle dem Pöbel im Ort wenigstens irgendetwas geben, damit er Ruhe hält.

Doch was bei einem barocken Schloß wirklich zählt, was wirklich interessant ist, das ist der Park. Er ist nach der Abfolge der Höfe gar nicht mehr weit und durch zwei große Glastüren schon gut zu sehen. Man ahnt, daß so mancher adlige Besucher gerne sogleich in ihn hinausgegangen wäre, wenn es das Zeremoniell bloß zugelassen hätte. Anders als in einem verfälschten Schloß wie Schönbrunn hat der heutige Besucher diese Möglichkeit.

Nur zum Park hin hat das Schloß eine Schauseite, die im Ganzen zu betrachten ist und zur Betrachtung gedacht ist.

Zwischen den endenden Walmdächern der Seitenflügel ist hier eine Dachterrasse mit einigen Amphoren auf der Brüstung und hinter dieser die geschwungen ansteigende Kuppel. Unten in der Mitte sind drei große rundbögige Fenster, über denen ein Balkon verläuft, und durch das mittlere gelangt man in den Park. Er ist dann klar zweigeteilt.

Direkt vor dem Schloß und auf einer Ebene mit ihm erstrecken sich als erster Teil streng geometrische Anlagen.

Drei achteckige Wasserbassins, die äußeren gleichseitig, das mittlere parallel zum Schloß länger, sind von Flächen mit niedrigen eckig geschnittenen Hecken so umgrenzt, daß sie von außen drei Rechtecke ergeben. In den Ecken der Flächen stehen jeweils Statuen auf Sockeln. Fast alle zeigen etwas überlebensgroße Gestalten in antikisierender Gewandung, also halbnackt.

Nur um das mittlere Bassin sind auf niedrigeren Sockeln vier Putten, die wohl die vier Jahreszeiten darstellen. Bei den anderen, ob sie nun Allegorien, Götter, Sagengestalten sein sollten, kann man sich in der Interpretation alle Freiheit lassen und sie so in die Gegenwart holen. „J’ai dit que c’était vous et moi, aussi bien. Ou n’importe qui.“ (Ich sagte, das könnten genausogut Sie und ich sein. Oder irgendjemand), wie es im barocken Film „L’année dernière à Marienbad“ (Letztes Jahr in Marienbad) heißt.

Oft sind die Statuen beidseits eines Weges aufeinander bezogen, meist sind es Frau und Mann.

Diese etwa, eine Frau, die ein Kind haltend weit nach rechts gewandt steht, und ein Mann, der geradezu demonstrativ nach rechts von ihr weg schaut und einen Hund streichelt, scheinen die ewige Ungerechtigkeit der Geschlechterbeziehungen zu symbolisieren: der Mann kann sein Kind ignorieren und sich dem Hund widmen, die Frau eher nicht.

Dennoch, dies ist schließlich ein barocker Park, hat ihr Gesicht nichts Leidendes, nicht einmal etwas Flehendes, eher etwas freundlich Hinweisendes: „Hier, dein Kind.“

Etwas herausgehoben stehen ganz rechts und links am Ende des Wegs, der diesen Bereich abschließt, zwei Doppelskulpturen.

Die rechte zeigt einen Engel, der eine junge Frau belästigt, die linke einen Engel, der einen älteren Mann belästigt, wobei dieser den Annäherungsversuchen noch weniger abgeneigt scheint als bereits sie.

Gebrochen wird die Symmetrie immer durch einige Bäume, die ganz beliebig zwischen den Flächen stehen, was auch darauf hinweist, daß dieser Parkteil seine barocke Form erst in den siebziger Jahren zurückbekam. Dem Barock wäre das ein Graus, aber für uns ist es gut, daß einige exotische Nadelbäume, eine Hängebuche und ein großer Ginkgo dort Skulpturen anderer Art bilden.

Der zweite Teil des Parks ist ein weiter Wiesenstreifen zwischen Bäumen, der unterhalb des Hügels die Achse des Schlosses nach Westen fortsetzt und bis hinaus in die mährische Landschaft läuft.

Dort sind Felder an einem höheren Hang, dessen baumbestandener Kamm im sichtbaren Ausschnitt von links nach rechts schräg ansteigt. Während diese Achse noch sehr barock ist, hat die Gestaltung der Wiesen und Baumgruppen an den Seiten schon etwas von englischem Landschaftspark. Es gibt dort auch fast keine der üblichen Kleinarchitekturen, bloß einen hölzernen Pavillon, hoch, achteckig, Vorhangbögen, Dachaufbau mit Kleeblattbögen, an den Spitzen hochgebogene Dächer, in schlechtem Zustand.

Dafür ist der Hang zwischen den beiden Teilen gleichsam architektonisch gestaltet. In der Mitte verlaufen zwei Wege, die sich X-förmig kreuzen, und am Rand links ein <-förmiger und rechts ein >-förmiger, so daß der Hang in zwei auf der Spitze stehende rechteckige und zwei dreieckige Flächen aufgeteilt ist.

Bei der Kreuzung der Wege stehen in den Spitzen der seitlichen Rechtecke große Amphoren und in der Spitze des unteren Dreiecks zwei zueinander geschwungene Voluten, auf denen eine weibliche und eine männliche Figur ruhen.

Sie wirken wie zwei Teile eines Giebels, den das Schloß nicht hat. Und es tut diesem Giebel gut, dort zweckfrei am Hang zu stehen, statt zweckfrei an einem Gebäude zu hängen, er wirkt freier, befreit. Zugleich markiert er subtil die Tatsache, daß der Hügel in Wirklichkeit selbst ein Gebäude ist.

Man kann das leicht übersehen, man soll das auch übersehen. Es ist aber kein Zufall, daß die Flachbauten des Vorhofs zur Stadt hin zweigeschossig sind,

oder, daß um das Schloß zu drei Seiten ein recht breiter und geschoßtiefer Graben, über den zum Park hin eine Brücke führt, verläuft,

oder sogar, daß neben der Auffahrtrampe zum Vorhof ein Johannes von Nepomuk steht.

Er scheint dort, bartlos und sternenkranzlos, etwas verloren, doch er erfüllt seine Funktion als Brückenheiliger: neben ihm ist das Eingangstor in den Graben und die Rampe ist eine Brücke.

Während der Ehrenhof oben dem festlichen Empfang der Herrschaften dient, ist das Tor unten den Dienstboten und Lieferanten zugedacht. Das gesamte Grabengeschoß enthält Räume, die für den Betrieb des Schlosses unabdingbar sind, Werkstätten, Küchen, Lagerräume, aber unsichtbar bleiben sollen.

Diese unteren Teile des Schlosses, seine Eingeweide, erstrecken sich noch weiter, unter dem Hof, unter dem oberen Teil des Parks, ihre Größe ist gar nicht abzusehen.

Das nun sollte uns an diesem barocken Schloß interessieren. Seine Gestaltung ist in zweierlei Hinsicht aus unserer eigenen Zeit vertraut. Zum einen handelt es sich um ein schönes Beispiel der Trennung verschiedener Funktionen in einem Gebäude, wie sie gut und unabdingbar ist. Zum anderen sieht man hier ein Gebäude, das so aufgeteilt ist, daß eine herrschende Klasse den Kontakt mit einer unterdrückten Klasse weitgehend vermeiden kann. Zwar gibt es keinen Adel und keine Bauern mehr, aber eine herrschende und eine unterdrückte Klasse nach wie vor. Das Bauen der nunmehr Herrschenden hat die Segregationstechniken, die am Schloß Slavkov zu betrachten sind, noch verfeinert. Sie sind nun überall.

Dank den Umwälzungen durch erst die bürgerliche und dann die proletarische Revolution haben wir heute das Glück, Schlösser wie das in Slavkov und vor allem ihre Parks jederzeit besuchen zu können. Viele heutige Architektur will uns allerdings nach wie vor mit prachtvollen und monumentalen Fassaden überwältigen wie die Kirche von Slavkov, während wir vor vieler anderer so verloren und ausgeschlossen stehen wie ein Slavkover Bauer im Jahre 1804 vor zwei seitlichen Einfahrten in den Hügel, über denen die Rückseite der Doppelplastik des vom Engel bedrängten Alten zu sehen ist.

Wie nah uns der Barock ist, das sollte uns interessieren.

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