Die Pyramide über dem Fluß

Architektur, Städtebau, Umweltgestaltung sind immer voller Ungleichzeitigkeiten. Während in Deutschland begradigte Flüsse „renaturalisiert” werden, können sie in Rumänien immer noch grader und betonierter werden. So ist es mit dem Bahlui, dem Fluß von Iași. Begradigt war auch er schon lange. Trotz scheinbar geringer Größe fließt er in einem tiefen, stark kanalisierten Bett. Am Rande kann man ihn noch in einem älteren Zustand sehen, vielleicht weiden Kühe am Ufer oder dösen im Schlamm, doch unterhalb des Stadtzentrums wurde das Ufer vor kurzem neu befestigt.

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Hier sind nun zuerst schräge Grasflächen, dann ein Weg im Gras und zuletzt schräge Betonflächen. Beidseits des zwischen einigen Biegungen schnurgeraden Laufs des Bahlui sind im zentralen Teil Gehwege, die zu klein sind, um Fußgängerboulevards zu sein, und Straßen, die ihrerseits zu klein sind, um die Umgebung des Flusses völlig unangenehm zu machen.

Es gibt einige Brücken, ältere und neuere, die zumeist sowohl dem Auto- als auch dem Fußgängerverkehr dienen. Die schönste Brücke von Iași aber ist eine Fußgängerbrücke, die wie eine Pyramide über dem Bahlui sitzt.

Es ist eine offene Pyramide, gebildet nur aus vier eckigen Betonstreben, die am Ufer beginnen und hoch über dem Wasser zusammentreffen. Genauer gesagt beginnen diese Stützen jeweils auf einer breiteren Betonstütze, die vom Beginn des betonierten Teils des Flußbetts gleich Mauern schräg zur Mitte ragen. Horizontale Streben spannen sich auf beiden Seiten zwischen zwei von ihnen und tragen die eigentliche Brücke, während dreieckige Lücken schon die Pyramidenseiten vorwegnehmen.

Zu dieser großen Betonform kommt ein filigranes gelbes Metallgeländer. Sein Handlauf ist ein Rohr, die Stützen bestehen jeweils aus zwei nach außen gewölbten Blechen, zwischen denen dünne horizontale Streben verlaufen. In der Mitte der Brücke ist eine schmale rechteckige Öffnung, um die das Geländer nunmehr nach innen gewölbt verläuft.

Diese Podul Trancu (Trancu-Brücke) ist nicht nur eine markante und einfache Form über dem Fluß, sowohl von weitem als auch von nahem betrachtet, und zum anderen ein absolut notwendiger Zweckbau, der weit entfernt von den nächsten Brücken einen Teil des Wohngebiets Podu Roș mit den Gebäuden der Technischen Universität verbinden. Sie ist auch ihrerseits ein Beispiel von Ungleichzeitigkeit, denn ihre Konstruktion aus unverkleidetem rohen Beton würde man in Deutschland wohl in die siebziger, vielleicht noch achtziger Jahre einordnen. Aber Rumänien ist ein anderes Land: sie ist von 2006. Vorher war an der Stelle seit 1932 nur ein hölzerner Steg.

Die Pyramidenform macht die Brücke zu einem beliebten Ort für die vielen Tauben von Iași, die auf der Schräge der Streben gut sitzen können. Nicht nur die jeweils sonnenbeschienene Seite von diesen sondern auch Geländer und Boden sind tagsüber Aufenthaltsort für die Tauben, während sie woanders nächtigen. Da auch die Neigung der Betonflächen am Ufer perfekt für Tauben geeignet ist, sieht man sie dort oft im Fluß baden. Immer sitzt auch eine Taube auf dem kleinen runden Stahlrohr, das aus der Spitze der Pyramide ragt. Ob dieses ursprünglich etwa für eine Fahne gedacht war, ist nicht mehr herauszufinden, aber so macht es immerhin wechselnde Tauben zum Wappentier dieses Übergangs über den Bahlui.

Eine weitere Funktion bekam die Brücke dadurch, daß an die Geländer der mittigen Öffnung Absperrgitter befestigt wurden, an denen nun Schlösser mit Namen und Daten hängen. So hassenswert die Tradition, gerade Schlösser, die für Eingesperrtsein und Zwang stehen, zu Symbolen von Beziehungen zu erklären, ist – an dieser Brücke, unter der Pyramide und in Gesellschaft von Tauben werden sogar sie beinahe schön und romantisch.

Ein einziges Problem gibt es mit der schönsten Brücke über den Bahlui: es ist nur eine einzige. Iași bräuchte jedoch noch weit mehr Brücken, um die vom Fluß getrennten Stadtbereiche zusammenzufügen. Nichts spräche dagegen, wenn sie genau wie diese aussähen, vielleicht mit verschiedenen Geländerfarben. Eine Pyramide über den Fluß also ist gut; besser wäre ein ganzes Gizeh.

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Ein Gedanke zu „Die Pyramide über dem Fluß

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