Barocke Klarheit

Die Hauger Kirche hat als Fassade eine riesige Wand mit unzähligen Heiligenskulpturen in Nischen, die man von nirgendwo gut sehen kann, weil man entweder zu nah oder zu fern ist.

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Die Neumünsterkirche hat eine von der Treppe bis zum Giebel wirkungsvoll gegliederte rote Sandsteinfassade mit wohlplazierten weißen Heiligenskulpturen, die die von der Antike übernommenen Formen in Wellen legt, ohne dabei viel mit dem eigentlichen Gebäude dahinter zu tun zu haben.

Und es gibt noch eine Fülle anderer barocker Kirchenfassaden in Würzburg. Doch es ist die Augustinerkirche, die zeigt, was Barock im besten Fall sein kann.

Im unteren Teil dorische Pilaster und vier hohe und schmale rundbögige Fenster, die als einzigen Schmuck blattgleich nach oben ausgebreitete Schlußsteine haben. Im oberen Teil korinthische Pilaster und in der Mitte ein weiteres rundbögiges Fenster mit zusätzlichem Schwung im darübergesetzten Sims, große Voluten an den Seiten und oben ein flacher Dreiecksgiebel, der sogar ungefähr dem Abschluß des Daches entspricht.

Und im Mittelpunkt von all dem im unteren Teil eine einzige rundbögige Nische, die etwas höher als die Fenster gesetzt ist, und in dieser auf einem Sockel die Skulptur eines einzigen Heiligen. Er predigt, die rechte Hand erhoben, in der linken ein offenes Buch. Über ihm an der Wand ein Kranz unbestimmter Pflanzen oder Strahlen, die seinen bärtigen Kopf noch mehr rahmen als der goldene Heiligenschein und nach oben über die Ränder der Nische hinauswachsen. Es ist wie eine Explosion, eine Welle, ein Schwall, der vom predigenden Heiligen ausgeht und von keinen Vorgaben der Architektur eingehemmt ist.

Alles ist hier, wie es sein muß. Die gesamte Fassade existiert nur für diese Skulptur und sie ist von so großer Klarheit, daß das genügt, daß das mehr, viel mehr ist als die anderen barocken Fassaden der Stadt mit ihren vielen Skulpturen. Die Skulptur zeigte ursprünglich einen Dominikus, da die Kirche 1744 für ein Dominikanerkloster errichtet worden war, und wurde später, als sie in den Besitz der Augustiner kam, zu einem Augustinus mit Herz in der erhobenen Hand umgearbeitet. Für die, die lesen konnten, kamen darunter noch die Worte: „S.P. Augustine ora pro nobis.“ (Heiliger Augustinus, bete für uns). Diese Umwidmung war nötig, da die Fassade anders als bei den anderen Kirchen schon genau sagt, was einen im Inneren erwartet.

Bleibt nur noch, durch das einfache Portal unter der Skulptur zu treten. Aber warum eigentlich?

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