Puck in Beton

Es ist klar, von wo man Puck sehen muß: vom Meer. Es ist eine geradezu archetypische Hafenstadt. Auch seine backsteingotische Kirche mit typisch hohem Langhaus und gedrungenem Turm steht am Hang direkt oberhalb des Hafens und ist so nicht nur vom Wasser der Gdańsker Bucht, deren nördlicher Teil auch Pucker Bucht heißt, sondern auch vom Ufer des Festlands und der bald anschließenden Halbeinsel Hel weither zu sehen.

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Alles andere, die Straßen der Altstadt mit dem Rynek (Marktplatz) und die neueren Teile, scheint mehr Anhängsel des Hafens, auch wenn er schon lange jede Bedeutung verloren hat. Heute ist Puck ein Ferienort wie viele andere an der polnischen Küste, belebt im Sommer, ausgestorben im Winter.

Seine Geschichte ehrte Puck mit einem großen Denkmal. Von wo man es sehen muß, ist gar nicht so klar. An der nicht großen, aber viel- und schnellbefahrenen Józefa Hallera (Józef-Haller-Straße) am Hang gibt es drei Zugänge in die Grünanlage des Denkmals.

Oben ein Weg, neben dem links ein Betonquader mit den eingeschnittenen Jahreszahlen 1150 und 1978 und einem aufgerichteten obeliskartigen Stein steht. Unten eine Treppe, neben der rechts ein Betonquader mit den eingeschnittenen Jahreszahlen 1939 und 1945 und einem ähnlichen, aber nicht identischen aufgerichteten Stein steht.

In der Mitte führt eine Treppe direkt auf das Denkmal zu und vor allem anderen sieht man dieses.

Eine mächtige Betonstele fast so hoch wie die umgebenden Bäume. In der Mitte ein tiefer Einschnitt mit unregelmäßiger vertikaler Struktur, der sich nach oben hin verbreitert, die Stele gleichsam zu spalten droht. In der unteren Hälfte mehrere horizontal in den Beton gefügte Steine gleich denen bei den anderen Zugängen, die nun aber so weit aus der Stele vorragen, daß sie zu schweben scheinen. Es ist eine beeindruckende Form, einfach, monumental, ausgewogen in Horizontalem und Vertikalem, Schwerem und Leichtem, die auch aus einem schnell vorbeifahrenden Auto zu bemerken ist. Doch sie ist nur ein Teil des Denkmals.

Die hinaufführende Treppe ist aus glattem graugesprenkeltem Stein. Links von ihr ist ein Betonquader, der viel größer als die beiden anderen ist und statt Zahlen große abgerundete Steine trägt. Rechts aber bilden verschieden große rechteckige Platten aus dem Stein der Treppe einen unregelmäßigen, vielebigen Bereich, der wirkt, als seien Treppenstufen von der Funktionalität entbunden worden und in wilde Bewegung geraten.

Noch einige weitere Stufen führen zu dem gleich dem Pol einer in die Erde versenkten Kugel vorgewölbten und mit quadratischem grauen Stein gepflasterten Sockel, auf dem erst die Betonstele steht. Rund um ihn sind weitere der rechteckigen Platten in drei Stufen jeweils versetzt angeordnet, noch immer in Bewegung, aber nun einem Plan unterworfen. Links und rechts der Treppe stehen auf ihnen die Namen einiger Orte der Gegend im Relief.

Von der Altstadt her führt nur ein Tor in die hier schmal beginnende Grünanlage. Es ist rundbögig und aus Backstein, so daß noch nichts auf das Denkmal hindeutet.

Dafür kommt man allerdings direkt auf die Stele zu. Von dem Anblick, den sie zur Straße hin bietet, würde man hier nichts ahnen, denn auf dieser Seite hat sie eine Relieffläche mit viel Text, der wichtige Stationen der Pucker Geschichte vorstellt. Sie gliedert sich in drei Felder mit aus der Fläche herausragenden Buchstaben, in denen jeweils zwei Jahreszahlen größer hervorgehoben sind.

Unten steht nach den Zahlen 1576 und 1572, deren erstere um „27 luty“ (27. Februar) ergänzt ist: „Puck port wojenny Rzeczpospolitej/prastara osada słowianska/wzmianki o Pucku 1150 1178 1217 1224 1271“ (Puck Kriegshafen der Rzeczpospolita [polnischen Adelsrepublik]/uralte slawische Siedlung/Erwähnungen von Puck 1150 1178 1217 1224 1271“. Zwischen die Jahreszahlen schiebt sich das Wappen von Puck, ein Löwe auf einem Fisch. Hier wird die frühe Geschichte von Puck und seine Bedeutung für Polen erzählt.

In der Mitte steht nach den Zahlen 1920 und 1926: „10.II.1920/zaślubiny Polski z morzem/port obronny Rzeczpospolitej/bastion polskości“ (10.II.1920/Vermählung Polens mit dem Meer/Verteidigungshafen der Rzeczpospolita [bürgerlichen polnischen Republik]/Bastion des Polentums“. Hier wird davon erzählt, wie das nach dem ersten Weltkrieg wiederentstandene Polen seinen Zugang zum Meer feierte und Puck bis zur Errichtung von Gdynia sein erster Hafen wurde.

Oben steht unter den Zahlen 1939 und 1945 nur: „Hołd obroncom i wyzwolicielom ziemi Puckiej“ (Ehre den Verteidigern und Befreiern des Pucker Lands). Links daneben ist das Schachbrettsymbol der polnischen Luftwaffe, die in Puck Wasserflugzeuge stationiert hatte, und die in der polnischen Symbolik wichtigen Schwerter von Grunwald.

Hat man das Denkmal so von beiden Seiten gesehen, wird deutlich, daß die Frage, von wo es gesehen werden muß, hinfällig ist. Als Kunstwerk in einer fortschrittlichen Stadtplanung hat es kein Hinten und Vorne, sondern mehrere gleichrangige Seiten, die ihm immer neue Aspekte abgewinnen lassen. Zur monumentalen Straßenseite und zur informativen Stadtseite kommen noch zwei weitere Seiten hinzu. Nur an ihnen merkt man, daß die Straßenseite gerade ansteigt, die Stadtseite aber nach oben hin leicht abgeschrägt ist. Sie sind glatte Betonflächen mit Reliefs, doch die vertieften Formen sind auf der Fläche so locker verteilt wie Farben auf der Leinwand eines abstrakten Gemäldes, so daß die Bezeichnung Relief fast unpassend erscheint.

Es sind auch weitgehend abstrakte Formen, bloß in der Mitte der linken Seite ist der Adler einer polnischen Fahne zu erkennen und oben auf der rechten Seite weitere Fahnen. Links dominieren sonst vertikale Elemente und kleine, zu Flächen zusammengefügte Schraffierungen, rechts runde und halbrunde Elemente.

Vervollständigt wird die Leinwandwirkung dadurch, daß links unten auf der rechten Seite die Signatur des Künstlers ist: Tołkin 76. Das ist für ein solches Denkmal höchst ungewöhnlich, zumal in dieser Größe und Prominenz, und deutet vielleicht auf die Bedeutung des Bildhauers Wiktor Tołkin hin, der auch andere große Denkmäler wie etwa im ehemaligen Konzentrationslager Majdanek schuf.

Heute steht das Denkmal so wohlplaziert in der Grünanlage wie 1978, als es eingeweiht wurde. Noch immer ist links oberhalb der Treppe ein Bereich mit vier Steinbänken, in dem sich der Besucher ganz dem Denkmal widmen kann.

Die Stadt Puck scheint sich seiner jedoch etwas zu schämen, da sie den durch das Tor auf die Inschrift zuführenden Weg mit einer Tischtennisplatte und Trainingsgeräten zustellte und in der Nähe allerlei Gedenktafeln zu den Jubiläen örtlicher Vereine prominenten Platz einräumte.

Es ist dabei leider nicht klar, was sie an dem Denkmal stört. Der Textinhalt ist mit Ausnahme der Erwähnung der Befreier, die aber nicht als sowjetisch expliziert sind, ausschließlich patriotisch, Sterne oder Hammer und Sichel sind nirgends zu sehen, dafür zwei kleine Kreuze. Auch, daß es offiziell noch immer Pomnik braterstwa broni (Denkmal der Waffenbrüderschaft) und die Grünanlage Park Przyjaźni (Park der Freundschaft) heißt, steht nirgendwo. Unliebsame Bezüge wurden offenbar bereits vor langer Zeit entfernt. So fehlt am Stein über den Zahlen 1939 und 1945 etwas, ebenso im Bereich der unregelmäßigen Platten.

Trotz diesen kleinen Beeinträchtigungen ist das Denkmal der Stadt Puck würdig. Doch so gut es mit seinem Standort verbunden ist, ein wenig schade bleibt, daß es nicht dort steht, wo Puck am meisten es selbst ist: am Meer.

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