Der polytechnische Drache

Der 1904 errichtete historistische Backsteinklotz des Politechnika Gdańska (Gdańsker Polytechnikums) hat vielerlei Ornamentik, darunter auch figurale. Wie typisch, letztlich unvermeidlich bei solch einem Gebäude ist diese praktisch unsichtbar, da sie entweder viel zu hoch angebracht ist oder, wie etwa diese zwei Eidechsen um ein Schild, kaum von den grauen Steinblöcken der Ecke zu unterscheiden ist.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

An einem unscheinbaren Nebengebäude aber ist alles anders. Mit rotem Backstein, gelblichem Putz und hohem Satteldach über zwei Geschossen verschwimmt es gleichsam mit der übrigen historistischen Bebauung des Areals.

Erst, wenn man es näher betrachtet, merkt man, daß hier etwas Jugendstil vorsichtig ins preußische Neo-Einerlei hineinbricht. An der Vorderseite ist der Eingang zwar in der Mitte, aber die von im ausgehenden schmalen Vorbauten konzentrieren sich deutlich auf den rechten Teil der Fassade, während links nur unten die abfallende Schräge einer Treppenüberdachung ist. Im rundbögigen Eingang selbst ist grüngestrichenes Holz und ein Gitter mit ornamentalen vertikalen Wellenlinien, die auch in Wien zur selben Zeit noch halbwegs à la mode gewesen wären.

Es ist gegliedert in einen schmalen Teil links, die Tür rechts und das halbkreisförmige Feld im Bogen. In letzterem sind nicht in der Mitte, sondern deutlich links ein stilisiertes Zahnrad und eine lodernde Sonne. Vor den Schrägen des Satteldachs sind ornamentale Bordüren, die in stilisierten Drachenköpfen enden und so an skandinavische Stabkirchen erinnern.

All das bildet nur den Rahmen für ein Kunstwerk, das im linken Teil der Fassade in einem horizontalen Feld unterhalb des Dachansatzes ist. Als flaches Relief im Putz zeigt es einen Arbeiter, der nach links Kohlen in das Maul eines Drachen schaufelt.

Der Arbeiter, hochgekrempeltes offenes Hemd, Schnurbart, Mütze, steht weit nach links gelehnt, das eine Bein angewinkelt, das andere nach rechts, nach hinten ausgestreckt, um sich in der Ecke der Fläche, fast am Backstein des Eingangstrakts, zu stützen und streckt die Schaufel gerade in Richtung des Drachenmauls. Zwischen beiden Figuren liegt ein Haufen Kohle. Der Drache, dünner Körper, großer Kopf, Schwimmhäute zwischen den Klauen, öffnet das Maul bereitwillig, aber Strahlen über seiner Nase lassen die Hitze, der der schaufelnde Arbeiter ausgesetzt ist, deutlich werden. Die Hinterbeine des Drachen sind zur Gebäudeecke hin ausgestreckt und mit den Krallen der linken, oberen hält er sich genau an dieser fest. Sein dicker geringelter Schwanz befindet sich dann ganz auf der linken Gebäudeseite, wo das Feld des Kunstwerks sich als breites verputztes Band fortsetzt.

Das Band verläuft um das ganze Gebäude, enthält aber keine weiteren Reliefs. Obwohl schwer zu sagen ist, ob da früher mehr war, trägt gerade diese Vereinzelung zur Wirkung des Kunstwerks bei. Es ist nicht eines von vielen, sondern ganz für sich. Es ist nicht ein Ornament unter anderen, sondern bekommt vom Gebäude einen prominenten Platz, eine Leinwand geboten. Das wäre noch nicht genug, wenn nicht auch das Motiv so überzeugend wäre. In der Verbindung des gänzlich Realistischen, des Arbeiters, mit dem gänzlich Phantastischen, dem Drachen, entsteht eine starke und überraschende Symbolik für die Dampfkraft, die zudem unmittelbar verständlich ist. Es ist Bild der beherrschten, aber doch auch immer noch gefährlichen Technik und der zu ihrem Betrieb nötigen Arbeit. Damit symbolisierte es die Tätigkeit des  für die technischen Anlagen der Hochschule verantwortlichen Chefingenieurs, für den das Gebäude ursprünglich als Wohnhaus errichtet worden war.

Anders als die leere und unsichtbare Ornamentik der anderen Gebäude des Politechnika ist dieses Relief ein wirkliches Kunstwerk. Wie es die Gegebenheiten des Gebäudes ausgreift, gehört schon ganz ins 20. Jahrhundert, während nebenan noch das 19. herrscht. Vielleicht es das der Interpretation zu viel, aber es ist doch nur zu passend, daß der Drache dem links davon stehenden historistischen Hauptgebäude den Hintern zeigt.

Werbeanzeigen