Ein Genius Loci?

Vysoké Mýto ist voller ungewöhnlicher Stadträume, in denen verschiedene Elemente auf überraschende Art aufeinandertreffen. Wenn man mit dem Zug in die Stadt kommt, bemerkt man den ersten von ihnen auch sofort. Denn während es aus der Ferne eine typische, allzutypische tschechische Kleinstadt ist, unterscheidet sich die hindurchführende Bahnstrecke deutlich von denen in vergleichbaren Städten: sie verläuft nicht nur mitten durch die Stadt, nein, sie verläuft auch eingleisig in der Mitte einer Straße, die ansonsten auch eine recht beliebige Vorortstraße sein könnte. An den Seiten Einfamilienhäuser aus der ersten Republik, auch eine Schule, zwei Fahrstreifen und in der Mitte das Gleis. Wenn ein Zug langsam und warnend tutend die Straße entlangfährt, wirkt das beinahe surreal. Es paßt gut, daß auch der Bahnhof Vysoké Mýto město (Stadt) fast nur nebenbei ein Bahnhof, in erster Linie aber ein Hotel ist.

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Nach dem am Bahnhof beginnenden Jugendstilteil der Generála Závady (General-Závada-Straße) kreuzt man den zweiten dieser Stadträume: eine mitten durch die Stadt führende Schnellstraße. Das ist leider nicht allzu ungewöhnlich, wird es aber dadurch, daß man es fast übersehen kann. Es ist erstaunlicherweise möglich, mit der direkt durch Vysoké Mýto laufenden Schnellstraße kaum Kontakt zu haben. Obwohl viele städtische Straßen sie kreuzen, gibt es nur wenige Kreuzungen. Die Jugendstilstraße und ihre Fortsetzung etwa sind an beiden Seiten der Schnellstraße abgesperrt und der Fußgänger muß immer nur eine Ampel überqueren.

An einer anderen Stelle verlaufen die Schnellstraße und eine städtische Straße lange parallel, ohne daß die Autos von einer auf die andere gelangen könnten. Die Schnellstraße ist mit anderen Worten so durch die Stadt geführt, als sei sie eine von den übrigen Straßen baulich abgehobene Autobahn mit Auf- und Abfahrten. Das ist eine verkehrs- und stadtplanerische Notlösung, aber eine sehr gute, zumal andernorts oft nicht einmal das Problem erkannt ist. In Vysoké Mýto könnten daher nur wenige großzügige Unterführungen oder Fußgängerbrücken sehr viel bewirken.

Ist schon dieser Stadtraum vom Sozialismus geschaffen, um vom Kapitalismus ererbte Probleme zu lösen, so sind die beiden folgenden ganz Schöpfungen des Sozialismus: zwei Wohngebiete, eines unterhalb und eines oberhalb der Altstadt. Das untere Wohngebiet beginnt nicht weit südlich des Parkrings, der an die Stelle der Stadtmauer trat, und der dort stehenden jugendstilbarocken Kirche, aber eben deutlich weiter unten. Es gibt in ihm nur zwei Gebäudetypen: ein sechsgeschossiges Punkthaus, bei dem über einem in rotbraunen Kacheln verkleideten Sockel die Fenster und Balkone rahmenartig vorgesetzt sind.

Und ein sechsgeschossiges längeres Gebäude, bei dem die Vordächer und die Balkone, die halb aus Gittern und halb aus Flächen bestehen, pro Gebäude verschiedene Farben haben und mit dem grauen Beton der Großplatten kontrastieren.

Drei Punkthäuser sind links am Hügel oberhalb einer großen und etwas leeren Wiese, über die man dafür zu einem k.k. Schulgebäude im Parkring blickt, angeordnet und zwei weitere schaffen rechts in einer Grünanlage eine Art Eingangssituation.

Links von dieser steht leicht schräg gesetzt das erste der langen Gebäuden. Die vier weiteren bilden in dessen Fortsetzung zwei zueinander versetzte parallele Reihen.

Eine denkbar simple Anordnung, doch in der Mitte verläuft der Blahovský potok (Blahovský-Bach). Um die Gebäude sind Grünflächen, Wäscheständer, Bänke, alles wie in so vielen anderen Wohngebieten, nur eben mit einem Bach in der Mitte.

Drei Brücken führen an wohlgewählten Stellen des Wohngebiet über den Bach, so daß er nie zum Hindernis wird.

Zur grünen Natur kommt der graue Beton, in dem die Gebäude noch farblich unterteilt sind: die ersten beiden rot, dann blau, grün und gelb. Dieses Sídliště U potoka (Wohngebiet Am Bach) zeigt in erstaunlicher Klarheit, wie einfach durch geschickte Ausnutzung landschaftlicher Gegebenheiten ein ungewöhnlicher Stadtraum geschaffen werden kann. Es kann ohne weiteres als Lehrbuchbeispiel dafür dienen.

Das obere Wohngebiet beginnt direkt hinter den Einfamilienhäusern nach den Bahngleisen und von einer Straße hat man einen perfekten Blick auf die nur etwas niedriger gelegene gotisch-neogotische Kirche in der Altstadt.

Dieser erste Teil jedoch hat nur wenige zu offenen Höfen angeordneten sechsgeschossige Wohngebäude, eine Kaufhalle und eine große Schulanlage. In der Mitte des Wohngebiets ist dann ein großes rechteckiges Getreidefeld. Sein weiterer Teil besteht aus der Straße V Peklovcích entlang der anderen Seite des Felds, wo links zweigeschossige Reihenhäuser und rechts lange sechsgeschossige Gebäude des aus dem unteren Wohngebiets bekannten Typs stehen.

Als sehr langes gerades Band, das zugleich den Abschluß der Stadt zu den umliegenden Feldern und Hügeln bildet, ziehen sich die Reihenhäuser einen Hügel hinauf und auf der anderen Seite wieder hinab, während die Gebäude zum umschlossenen Feld und zur Altstadt zeigen.

In der im Norden folgenden Biegung der Straße treten an die Stelle der Reihenhäuser einige typisierte Einfamilienhäuser, während die anderen Gebäude nach einem Punkthaus einen Grünbereich an der Nordseite des Felds umranden.

Anders als beim unteren Wohngebiet ist bei diesem nicht ganz klar, wieso es in dieser Form auf die Landschaft eingeht. Die Weite des Kornfelds ermöglicht zwar bessere Blicke aus vielen Wohnungen, aber zugleich verlängert es die Wege zur Altstadt deutlich. Hier waren es vielleicht andere als unmittelbar städtebauliche Erwägungen, die zur Erhaltung des Felds mitten im Wohngebiet führten. Oder war es der Genius Loci von Vysoké Mýto, der die Planer dazu bewog, diesen ungewöhnlichen Stadtraum zu schaffen? Die Bahnstrecke in der Vorortstraße, die Schnellstraße durch die Stadt, aber separiert von hier, das Wohngebiet um den Bach, verlangten sie, daß auch das obere Wohngebiet etwas Überraschendes in sich birgt? Vermutlich nicht, Zufall ist immer die beste Erklärung. Aber daß Vysoké Mýto seinen Genius Loci hat, das spürt man deutlich, sobald man sich auch den Teilen, die weder Pseudomittelalter noch Jugendstil sind, widmet.

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