Das Parkhaus des armen Manns

Das Parken war in den fortschrittlichen Wohngebieten der sozialistischen Staaten immer ein Problem. Wiewohl der Motorisierungsgrad dort bekanntlich nicht sehr hoch war, wurde immer für viel mehr Autos gebaut als es tatsächlich gab, und die mußten eben auch irgendwo parken. Die ideale und erwünschte Lösung wären Tiefgaragen gewesen, doch deren Bau war so teuer, daß er fast nie geschah. Was blieb, waren Parkplätze und freistehende Garagenanlagen, die beide wertvollen städtischen Raum einnehmen. Während Parkplätze sich je nach Größe noch leidlich in die Freiflächengestaltung der Wohngebiete einbeziehen lassen, bilden Garagenanlagen fast zwangsläufig unwirtliche Nichtorte, die nur wenig besser sind als die Hinterhöfe der gerade überwundenen Mietskasernen. So stehen sie meist am Rande der Wohngebiete und ohne Bezug zu ihnen, Ausdruck städtebaulicher Hilfslosigkeit.

Selten und unsystematisch waren die Versuche, diese Garagenanlagen auf bessere Art zu gestalten. Ein Beispiel sieht man im Gdańsker Wohngebiet Przymorze in einem Bogen der Straße Dąbrowszczaków. Die Anlage besteht aus zwei langen parallel verlaufenden Gebäuden mit Garagen auf zwei Geschossen. Die Garagen im Erdgeschoß zeigen nach außen zur Straßenebene und die Garagen im Obergeschoß nach innen zu einer erhöhten Ebene.

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Am straßenabgewandten Ende führen Treppen entlang der Schmalseiten hinauf, was der abschließenden Wand eine markante Stufenform gibt.

Auch zur Straße sind dort Treppen, doch vor allem ist hier die geschwungene Auffahrt in einer aufgeschütteten Schräge, wo ansonsten Gras und auch einige Bäume und Sträucher wachsen.

Hier sieht man, daß die beiden Garagengebäude vermutlich um einen künstlichen Hügel stehen – eine Notlösung, da es weit günstiger ist, Erde aufzuhäufen als die erhöhte Ebene und die Auffahrt auf Betonstützen zu setzen. Die Garagenanlage zeugt damit von Rückständigkeit wie von Einfallsreichtum. Mit einfachen Mitteln wurden auf demselben Platz doppelt so viele Garagen errichtet. Es entstand eine Art Zwitter aus Tiefgarage und Parkhaus, der einen entfernten Verwandten in den künstlichen Grabhügeln des Cimitero del Verano (Verano-Friedhofs) in Rom hat.

Die architektonischen Details unterstreichen die Struktur der Anlage noch: die Wände der Schmalseiten und zwischen den Garagen aus weißem Backstein, die Außenwände der oberen Garagen jeweils als flaches Dreieck vorstehend und leicht aufsteigend, so daß ein Wellenmuster entsteht.

Darauf haben sich auf einer Seite schräge Streifenmuster mit Symbolen verschiedener Sportarten und Werbung für Lottoanbieter erhalten,  „Abonamenty Toto-Lotto“ oder „Totalisator Sportowy“.

Die Anlage ragt auch im direkten Wortsinne aus der üblichen Garagenarchitektur heraus (wie weit zeigt der Vergleich schon zu den rückwärtig angrenzenden flachen Garagen) und vermag, selbstständig ihren Platz im Wohngebiet zu behaupten, statt sich verstecken zu müssen. Sie ist ein wertvolles Beispiel dafür, was auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen möglich war, aber lösen konnte sie das Problem des Parkens selbstverständlich nicht.

2 Gedanken zu „Das Parkhaus des armen Manns

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