Picasso, Schuhe, Lederhosen oder Etwas Werbekunst in Eindhoven

In der Innenstadt von Eindhoven oder in jeder anderen Stadt, in der die Einkaufsstraßen von relativ kleinen vermischten Häusern geprägt sind, kann man noch manchmal Hinweise auf längst nicht mehr bestehende Geschäfte finden. Sie sind in den Fassaden der Gebäude selbst, in die sie frühere Besitzer im immer irrigen Glauben, für die Ewigkeiten zu bauen, gesetzt hatten.

Kleinere Beispiele findet man bereits in der Fußgängerzone Demer. Am dreigeschossigen Haus Demer 23 wird die in weißem Rahmen von der braunen Backsteinfassade abgesetzte und vertikal durch zwei weiße Streben gegliederte Fensterfläche der Obergeschosse horizontal von einem Band durchzogen, in dem in Weiß auf Schwarz zwischen einfachen dreiblättrigen Ornamenten ein gekreuzter Hammer und Schuh sind.

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Sie sind ebenfalls nur stilisiert, aber als Werkzeug und Herrenschuh gut zu erkennen. Früher war dort also vermutlich ein Schuhmacher, heute ein Modegeschäft namens „Parfois“. Von wann das ornamentale Band ist, läßt sich schwer eindeutig sagen, aber höchstwahrscheinlich aus den Fünfzigern, als die Straße, die 1942 bei einem alliierten Luftangriff auf das nahe Philips-Werk stark zerstört worden war, wieder aufgebaut wurde.

Am dreigeschossigen Haus Demer 28 findet sich über dem hervorgehobenen mittleren Fenster im zweiten Geschoß auf der hellen Steinfassade ein steinernes Relief. Auf goldenem Grund ist hier eine kurze Männerhose zu sehen, über den Knien und an den Hüften geschnürt und mit aufklappbarem Hosenlatz. Darüber steht „De leren broek“ (Die lederne Hose). Man könnte diese Darstellung für älter halten, als sie ist, doch darunter steht: „A° 1820-1952 REN“, also das Baujahr und das Jahr der Wiederherstellung nach dem Krieg.

Wer hier Lederhosen verkaufte oder ob der Name einen anderen Hintergrund hat, weiß man nicht mehr ohne weiteres. Laut den verfügbaren Informationen bezieht er sich auf eine Gerberei, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Aber das Haus traf es erstaunlich glücklich: gegenwärtig ist dort ein Levi’s-Geschäft. Alle Fenster sind mit Reklamephotos ausgefüllt, so daß man nun um die kleine Lederhose lauter große Jeans sieht.

Wo es sich bei den zuvor genannten Beispielen um kleine, leicht zu übersehende Details handelt, wird beim Gebäude 18 der nahen Straße Keizersgracht die Fassade ganz von der künstlerischen Gestaltung bestimmt. Es ist ein schmales Gebäude mit etwa drei Geschossen, das zwischen Nachbarbauten fast eingezwängt ist. Im Erdgeschoß Schaufenster, der Putz der Obergeschosse weiß und rechts nah beim Rand ein breites vertikales Band, das horizontal abwechselnd aus grünem Backstein und schieferartiger grauer Steinverkleidung besteht. Im zweiten Geschoß ist das Band von zwei Fenstern unterbrochen, die so aufgeteilt sind, daß sich vier Teile um ein zentrales Quadrat legen. Das ist der Rahmen für das Wandbild im großen linken Teil der Fassade.

Es beginnt auf der Höhe des Fensterabschlusses und nimmt ein quadratisches Feld aus glattglasierten Kacheln ein. Der Stil ist offensichtlich von Picasso inspiriert, auf dem blaßgrünen Hintergrund sind Figuren aus scheinbar einfachen Strichen, die klar zu erkennen, aber in den Proportionen, Perspektiven und Farben nicht um Realismus bemüht sind. Links eine große Blume vor einer Leinwand und darüber eine Sonne. Rechts eine kleinere Blume, ein Hahn und darüber ein Stern. Oben waagerecht ein weiblicher Engel, der schon unter dem Stern beginnt und mit den ausgebreiteten Armen in diesen und in die Sonne hineinreicht. Im Mittelpunkt frontal ein Künstler mit großer Palette, auf der vier Farben sind, und etwas Rotem in der Hand.

Es ist ein entschieden epigonales Werk, bei dem man sich nicht wundern würde, wenn es sein Epigonentum hinter einem Titel wie „Hommage à Picasso“ zu verstecken suchte. Der tatsächliche Titel dieses Werks von Hugo Brouwer aus dem Jahr 1958 ist nicht herauszufinden, vielleicht hatte es nie einen. Denn als es entstand, hatte es einen konkreten Werbezweck: das Gebäude erbaute sich der Kunsthandel Pijnenborg. Das Motiv ist also nicht zufällig, sondern, direkter noch möglicherweise als Schuh oder Lederhose, auf den Zweck des Gebäudes bezogen. Heute, da dort das Restaurant „La Cubanita“ ist, wirkt es in den Stadtraum als selbständiges Kunstwerk. Und daß es von allen gesehen werden kann, macht dieses epigonale Werk vielleicht ähnlich wertvoll wie die tatsächlichen Picassos, die im Eindhovener Van Abbe-Museum und anderswo weggesperrt sind.

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