Nachruf auf eine Straße

Es war erstaunlich, daß es diese Straße in Gdańsk überhaupt noch gab: Dąbrowszczaków. Das heißt: die Straße der Dąbrowszczacy. Und das heißt: der Kämpfer der polnischen Dąbrowski-Brigade im spanischen Bürgerkrieg. Diese Brigade hieß nicht nach dem, gewiß rühmenswerten, napoleonischen General Jan Henryk Dąbrowski (auch Dombrowsky), von dem die polnische Nationalhymne erzählt, sondern nach dem linken Exilpolitiker und militärischen Führer der Pariser Kommune Jarosław Dąbrowski. Die Dąbrowszczaków lag angemessenerweise in Przymorze, wo sie den Abschluß der fortschrittlichen Bebauung zum Küstenstreifen hin bildete.

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Vielleicht hatte der Straße eine gewisse Obskurität geholfen, da nicht alle wußten oder sich interessierten, wer eigentlich diese Dąbrowszczacy waren, bei denen sie wohnten. Aber anders als bei Jana Husa (Jan-Hus-Straße) und Husytów (Hussitenstraße), die bloß nach tschechischen Ketzern aus dem 15. Jahrhundert benannt waren, ging es hier um die Gruppe, die der herrschenden nationalistischen Ideologie, gleich ob in ihrer polnisch-katholischen oder europäisch-liberalen Variante, am stärksten verhaßt ist: polnische Kommunisten. Jede Erinnerung daran, daß es einmal Menschen gab, die Polen und Kommunisten waren, und sogar in einem anderen Land für die Sache des Kommunismus kämpften, muß ausgelöscht werden und es erstaunt tatsächlich, daß es erst so spät geschieht. Das Sanacja-Regime der Dreißiger hatte den polnischen Spanienkämpfern die Staatsangehörigkeit aberkannt, die heute Herrschenden zerstören auch das Wenige, was noch an sie erinnerte. Stattdessen wird die Straße nun nach Lech Kaczyński heißen, einem ehemaligen polnischen Präsidenten, der durch seinen Tod bei einem Flugzeugabsturz im Jahre 2010 zum Märtyrer der polnischen Rechten wurde. Auch hier erstaunt es eher, daß er keine wichtigere Straße bekam.

Ein Jahr lang konnte man noch dem Überlebenskampf der Straße zusehen. Es war ein schwächlicher, jämmerlicher Kampf, da es nie um das Entscheidende, das Andenken der polnischen Spanienkämpfer, ging. Die Anwohner wollten einfach den vertrauten Namen, dessen Bedeutung ihnen egal war, behalten. Dem liberalen Bürgermeister von Gdańsk, der sich auf ihre Seite stellte, ging es hingegen einzig darum, der noch rechteren Zentralregierung eins auszuwischen. Es war wohlgemerkt derselbe Bürgermeister, der eine große Straße nur zu gerne nach antisemitischen Mörderbanden benannt hatte.

Schon Ende 2017 hatte es ausgesehen, als ob der Kampf entschieden war. Unter den nur drei Straßenschilder der ul. Dąbrowszczaków hingen bereits neue Schilder mit dem Namen ul. Prezydenta Lecha Kaczyńskiego (Präsident-Lech-Kaczyński-Straße) und dazu ein kleineres, auf dem die Stadtverwaltung erklärte, daß sie keine andere Wahl hatte.

Nach einer aufschiebenden Gerichtsentscheidung Anfang 2018 waren die Schilder dann sofort wieder verschwunden. Die Dąbrowszczaków hatte noch einen weiteren Sommer. Ende 2018 schließlich gab es eine letztinstanzliche Entscheidung und die Kaczyński-Straßenschilder sind wieder da, nun auch ohne die distanzierende Ergänzung.

Der Kampf ist vorbei. Die Linke war an ihm im übrigen nie beteiligt. Sie hat in Polen schon lange alle Kämpfe verloren und existiert heute praktisch nicht mehr. Daß man bei einer Hipsterkneipe mit deutschem Namen in Wrzeszcz vielleicht einen sympathischen Aufkleber sehen konnte, aber in Przymorze nie, bestätigt das nur.

„Pfoten weg von den Helden des Kampfs gegen den Faschismus!“

Auch waren alle klarer kommunistischen Straßennamen schon lange verändert, sogar die bloß antikoloniale Lumumby (Lumumba-Straße), eine wichtige Falowiec-Straße zwischen Dąbrowszczaków und Chłopska in Przymorze, wurde umbenannt.

Daß der Name Dąbrowszczaków noch eine Weile im Stadtbild fortleben wird, liegt einzig daran, daß er weit öfter als auf Straßenschildern auf den Schmalseiten der fünfgeschossigen Wohngebäude neben der Straße steht.

Bleibt abzuwarten, wie lange es dauern wird, bis die Verantwortlichen Geld aufbringen, das zu überstreichen. Im Moment jedenfalls kann man noch etwas letztes Spanien an der winterlichen Ostsee erleben.

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Ein Gedanke zu „Nachruf auf eine Straße

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