Häuser in Iași

Das Typischste am Aussehen der Häuser in Iași ist, daß man nur sehr wenig von ihnen sieht. Haus ist hier im Sinne von Einfamilienhaus, von house, gemeint. Von solchen Häusern gibt es trotz umfangreichen Baumaßnahmen in der sozialistischen Zeit weiterhin viele, nicht nur in den vorstädtischen, sondern auch in recht zentralen Teilen der Stadt. In den schmalen und verschlungenen Straßen dieser vielleicht nicht einmal immer besonders alten, aber planlos gewachsenen Gegenden schotten die Häuser ihre kleinen Gärten oder Höfe dann oft mit hohen Bretterzäunen ab. Noch häufiger ist es, daß über dem gesamten freien Bereich um das Haus Weinreben wachsen.

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Sie ranken sich auf meist stählernen Gerüsten, bilden Wände und Dächer und schaffen schattige Räume, die halb außen, halb innen sind. Durch die Pflanzen entsteht eine zweite Architektur, die, wiewohl halb transparent, die erste stark verdeckt. Das ist umso leichter als die meisten Häuser in Iași nur ein Geschoß und kein sehr hohes Dach haben. Es ist eine saisonale Blattarchitektur, die im Sommer wertvollen Schatten bietet, im Winter aber das wertvolle Sonnenlicht durchläßt.

Fast jedes Haus hat solche Baldachine aus Weinreben, so daß man im Sommer durch die Straßen von Iași streifen kann, ohne ein klares Bild davon zu bekommen, wie die Häuser eigentlich aussehen. Wenn man sich konzentriert, die freien Seiten sucht, länger als gehörig in schattige Höfe blickt, das Grün gleichsam herausrechnet, zeigen sich die Häuser von Iași in ihrer Vielfalt. Wirklich alte Häuser sieht man nicht, da sie vermutlich aus Holz waren, die erhaltene Baugeschichte beginnt erst im 19. Jahrhundert. Manchmal, selten, gibt es Häuser mit schmalen Verandas unter überstehenden Dächern, von denen ornamentale Bordüren aus Holz herabhängen, Überbleibsel dörflicher Bauweisen wohl.

Meist jedoch sind die Häuser mit einfachen historistischen Ornamenten, hier ein Pilaster, dort ein Fensterrand, versehen. Fast völlig fehlt der Jugendstil, was von der Rückständigkeit Rumäniens zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeugt. Umso häufiger ist dafür modernistische Ornamentik aus der Zwischenkriegszeit, etwa horizontale Streifen- oder Wellenmuster zwischen den Fenstern. Das zeugt vom Aufschwung Rumäniens dank seiner enormen Gebietsvergrößerung durch den Vertrag von Trianon nach dem ersten Weltkrieg. Ein nicht untypischer Iașier Kontrast ist daher einer wie in der Strada Petru Rareș (Petru-Rareș-Straße): auf der einen Seite ein historistisches Haus mit aufwendigem Eckgiebel und auf der anderen ein modernistisches Haus mit abgerundeter und gleichsam hochgeklappter Ecke mit Rillenmuster.

Diese Baumoden hatten Einfluß wohlgemerkt nur auf die Häuser, die erste Architektur, während die Gestelle aus Weinreben, die zweite Architektur, überall die gleichen sind.

In der sozialistischen Zeit gab es offenbar fast keinen privaten Wohnbau oder jedenfalls ist er nicht besonders zu erkennen. Erst die Restauration des Kapitalismus brachte es mit sich, daß teilweise neue, nun mehrgeschossige Häuser in beliebigen Formen an die Stelle der alten gesetzt wurden. Blattdächer aus Weinreben gibt es weiterhin, doch leider verdecken sie nun nicht mehr die Architektur, die das mehr denn je nötig hätte.

Außer den beschriebenen bescheidenen Häusern gab es immer auch größere Villen, aber die prägen nur im nordwestlichen Copou größere Bereiche. Die interessantesten sind hier nicht die historistischen, sondern die aus der Zwischenkriegszeit, die es mit anderen bauhausstiligen Gebäuden mindestens aufnehmen können, vielleicht besser sind, aber vom Architekturkanon selbstverständlich ignoriert werden.

In der Strada Gării (Bahnhofsstraße)

Der rumänische Sozialismus baute keine Häuser, sondern hohe fortschrittliche Wohngebäude, die Iași mehr veränderten als alle Architektur zuvor. Das ist gut und richtig, das ist dem Sozialismus einzig angemessen. Doch es ist schade, daß die sozialistische Architektur sich nicht bemühte, von der lokalen Architektur zu lernen. Entscheidend an dieser sind, wie ausgeführt, nicht diese oder jene Gebäudeformen, sondern die Weinreben über den Höfen. Es handelt sich bei diesen auch nicht um ein ästhetisches, sondern um ein praktisches Element und eines, das sich mit der fortschrittlichen Architektur leicht verbinden läßt. Gestelle mit Weinreben müßten auf den Terrassen der Terrassenhäuser von Iași sein, es müßte ganze Alterlaas im Wein, ganze künstliche Weinberge geben. So etwas konnte die Architektur des rumänischen Sozialismus aus verschiedenen Gründen nicht, obwohl sich Ansätze durchaus finden.

Nicht nur gibt es an einem Platz am zentralen Bulevardul Ștefan cel Mare (Stefan-der-Große-Boulevard) ein prominentes Terrassenhaus, sondern auch viele terrassierte Bauteile an den straßenabgewandten Seiten vieler zentraler Bebauung.

Noch wichtiger sind verschiedene Gebäudetypen im Wohngebiet an der Șoseaua Nicolina (Nicolina-Chaussee) im Süden, bei denen entlang der obersten drei Geschosse drei Terrassenstufen verlaufen. Bei einem von ihnen sind über den Terrassen sogar horziontale Betonstreben, doch diese scheinen mehr der ästhetischen Wirkung als der praktischen Funktion wegen zu existieren.

Dafür sieht man an anderer Stelle tatsächlich, wie sich jemand genau die von den flachen Häusern bekannten Weinrebengestelle auf die große Terrasse im siebten Geschoß setzte.

Hier sieht man, was möglich und nötig wäre. Das Beste des traditionellen Hauses, seine Blattarchitektur, ist hier aufgehoben. Damit ist das so etwas wie der Höhepunkt der Architektur von Iași, doch es ist traurig, daß er zufällig aus Privatinitiative und nicht geplant aus den Ideen der Architekten erwuchs.

Ansätze also gibt es, aber mehr nicht. Gar nicht auszudenken, was möglich gewesen wäre, wenn die Architektur des rumänischen Sozialismus insbesondere in ihrem letzten Jahrzehnt weniger für Formspielereien und mehr für funktionale Lösungen aufgewandt hätte. So unsichtbar die kleinen Häuser zwischen den Weinreben sind, so spektakulär wären die Hochhäuser in den Weinreben.

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