Haus Antonie Werr

Es ist der absolute Fremdkörper in der Huttenstraße südlich des Ringparks in Würzburg, wo sonst vor allem freistehende bürgerliche Mietshäuser von der Wende zum 20. Jahrhundert sind: das Haus Antonie Werr. Es ist dabei ganz bescheiden, bei einem Blick entlang der stillen Straße sieht man es nicht.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Einzig, wenn man sie aus irgendeinem Grund entlanggeht, übersieht man seinen ganz von rohem Beton bestimmten Baukörper nur schwer, es versteckt sich nicht.

Es ist ein einfaches Gebäude: nach vorne zur Straße und nach hinten zum Grundstück die Öffnungen der fünf Geschosse, zu den Seiten weitgehend öffnungslose Betonflächen, in denen die vertikalen Großplatten, aus denen es gebaut ist, gut zu erkennen sind, und in der Mitte der Erschließungsbereich mit Aufzügen, Treppen und Gängen, der zu den Seiten ab dem zweiten Geschoß weit übersteht und oben ein weiteres Geschoß hat, so daß er sich wie ein Reif über das übrige Gebäude legt. Die Vorder- und Hinterseite sind durchgehend mit rotgerahmten Fensterflächen geöffnet, doch davor sitzt eine Balkonkonstruktion aus Beton. Sie besteht aus den Horizontalen der Geschoßböden, den Vertikalen der flachen Streben, die sie in vier gleich große Teile teilen, und weit vorgeschwungenen Pflanzenwannen, die in den Obergeschossen die Geländer und im Erdgeschoß den Boden bilden. Diese Konstruktion wirkt durch den Abstand zwischen den Streben und den Fensterflächen, der besonders an den Seiten deutlich sichtbar ist, wirklich, als sei sie vom übrigen Gebäude unabhängig, obwohl sie zugleich sein wichtigster Teil ist.

Vorne ist noch ein Untergeschoß mit vier rottürigen Garagen, zu denen eine abgeschrägte Fläche hinabführt, während sich links und rechts Betonwände zur Straße hin und nach abgerundeter Ecke um die kleinen Gartenflächen neben dem Gebäude erstrecken, die rechts etwas erhöht eher ein großzügiges Hochbeet sind.

Ebenfalls rechts, am Beet vorbei, kommt man zum Eingang. Eine niedrige Treppe mit rotem Stahlgeländer führt zur roten Tür, nach hinten ist der Eingangsbereich abgegrenzt durch eine Betonwand, auf der in silbernen Stahlbuchstaben links die Hausnummer 11 und rechts nach einer Lücke für eine quadratische weiße Lampe „Haus Antonie Werr“ steht. Es folgt ein Anlieferbereich vor roten Wänden aus Holz, das anders als das der Tür horizontal gesetzt ist, bevor hinter einem Zaun aus schräg gesetzten Betonpfählen der rückwärtige Garten beginnt.

Der Garten ist ebenfalls nicht groß, bald schon folgt die Brandmauer des nächsten Grundstücks. Außer Bäumen gibt es dort zwei Lampen aus niedrigen runden Pfählen in Schwarz und einem abgerundeten Leuchtelement in Weiß und eine Bank mit rotem Gestell und weißen Sitz- und Lehnenflächen. Vom verglasten Untergeschoß, das hier drei der vier von den Streben gebildeten Teile einnimmt, führen eine Treppe und einige höhere Stufen aus dunklem Beton zwischen rotem Stahlgeländer und Betonwänden ins Grün.

Der Garten ist klein, doch er setzt sich dank der Pflanzenwannen in die Höhe fort, wozu noch üppiger Efeubewuchs kommt. Und ist schon die Fassade begrünt, so ist auf dem Dach noch dazu eine große Terrasse, ein wahrer zweiter Garten, von dem man über die Dächer der Nachbarhäuser zu den Türmen der nahen Altstadt und in die rahmenden Weinberge mit der Festung Marienberg blicken kann.

Das Haus Antonie Werr ist also der absolute Fremdkörper in der Huttenstraße. Wo sonst Putzfassaden, leicht historistisch verzierte Fenster- und Türöffnungen, vielleicht Balkone, und Walmdächer sind, ist es ein vertikaler Garten aus Beton. Wo sonst gedämpfte Farbtöne sind, hat es nur kräftiges Grau, Rot und Grün. Es ist voller Selbstbewußtsein anders als seine Umgebung. Und es ist nach allen Kriterien fortschrittlicher Architektur besser als sie. Doch das ist egal. Die Zeitform dieses Textes wird bald schon falsch gewesen sein: das Haus Antonie Werr in der Huttenstraße in Würzburg ist nicht, es war. Ende 2018 schon steht es leer, „Wir sind umgezogen“, sagt ein weißer Zettel an der Tür, vor den Garagen stehen Baucontainer, der Efeu ist entfernt, die Bäume in den seitlichen Gartenteilen gefällt.

Auch die meisten Pflanzenwannen sind leer, bloß in den oberen Geschossen und auf dem Dachgarten sind noch Spuren einstiger Üppigkeit.

Angesichts dieser Situation muß man auch nicht mehr unbedingt wissen, daß die Namenspatin Antonie (oder Antonia) Werr in der Mitte des 19. Jahrhundert in Würzburg einen katholischen Verein „zur Besserung verwahrloster Personen des weiblichen Geschlechts“ gegründet hatte, aus dem bald eine Ordenskongregation wurde, und daß mit dem 1975 eröffneten Haus, in dem Notfallunterkünfte und andere Einrichtungen für Frauen waren, dieses relativ löbliche Werk fortgesetzt wurde, wie es jetzt andernorts noch immer geschieht. Es genügt, das Haus Antonie Werr als architektonisches Werk zu betrachten und zu schätzen.

Nun wird es abgerissen, ein Fremdkörper wird entfernt. Aber allzu sehr muß man das vielleicht nicht bedauern. Das Haus Antonie Werr war besser als seine Umgebung, aber es war nicht gut genug. Mit Alterlaa, dem Maßstab aller fortschrittlichen Architektur, teilt es die Pflanzenwanne vor den Balkonen, doch nichts, was letztlich zählt. Bei all seiner Andersartigkeit entspricht es in seiner städtebaulichen Einordnung völlig seinen Nachbarbauten: ein freistehendes Gebäude an einer Straße, auf dem Rest des kleinen Grundstücks etwas Hoffläche, etwas Garten. Es schafft keinerlei neuen Stadtraum. Es ist allein. Es ist ein Kleinod. Bei all seinen architektonischen Qualitäten, bei all seiner Schönheit auch, zeigt es letztlich nur, daß ein einziges Gebäude nie genug ist. An seine Stelle wird irgendein Gebäude treten, daß sich stärker an die anderen Gebäude anpassen wird, das man beim Gang durch die Huttenstraße nicht mehr bemerken wird, das kein Fremdkörper mehr sein wird. Was mit dem Haus Antonie Werr verschwinden wird, wird einzig die unklare Ahnung, das es etwas anderes geben kann, sein. Wie das aussehen könnte, sah man aber immer besser anderswo, etwa draußen in Heuchelhof.