Jenseits des Reihenhauses

Es ist ja nicht so, daß die Niederlande, weil sie Einfamilienhäuser, meist Reihenhäuser, bevorzugen, nicht in der Lage wären, mehrstöckige Wohngebäude zu bauen. Im Gegenteil sind ihre diesbezüglichen Leistungen mindestens so gut wie die in anderen Ländern.

Eine Wohnanlage wie diese Ecke Stratumsedijk/Elzentlaan (Stratumdeich/Elzentstraße) in Eindhoven etwa, die sogenannten Wilma-Flats (Wilma-Appartmentgebäude).

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Die Kreuzung dieser beiden Straße wird bestimmt von einem großen dreizehngeschossigen Hochhaus an der zweiten von ihnen. Die Schmalseiten sind aus rohem grauen Beton, auch die unter Hälfte der Balkonbrüstungen und die Trennwände zwischen den Balkone – ein solches Gebäude würde auch in viele andere kapitalistische wie sozialistische Staaten gut passen. Dann entlang des Stratumsedijk stadteinwärts eine Ladenzeile, Schaufenster und eckige Kolonnaden im Erdgeschoß, Fensterband zwischen zwei Betonbändern im leicht überstehenden Obergeschoß – ein fast archetypischer Anblick, der aus unzähligen anderen Städten vertraut ist.

Das achtgeschossige Wohnhaus, das etwas zurückgesetzt hinter der Ladenzeile steht, ist schon weit typischer niederländisch. Die Schmalseiten sind mit weißen Backsteinimitationen, zwischen denen die horizontalen Betonträger sichtbar bleiben, verkleidet, die Breitseiten aber sind ganz in Glasflächen hinter Balkonen mit offenen und geschlossenen Brüstungen aufgelöst. Ein entsprechendes sechsgeschossiges Gebäude, ohne Ladenvorbauten und weit kürzer, schließt quer hinter dem Gebäude an.

Von der straßenabgewandten Seite zeigt auch das Hochhaus seine niederländischen Charakteristika: zwischen einem vorgesetzten Aufzugstrakt rechts und einer Wendeltreppe in jeweils vorgesetzten Balkonen in der linken Ecke ist es von Laubenggängen erschlossen. Laubengänge sind in Ländern, wo das Einfamilienhaus die Grundlage des Wohnbaus ist, immer weit beliebter als anderswo. Vielleicht soll den Bewohnern damit das Gefühl genommen werden, daß sie sich mit anderen ein Gebäude teilen. Vielleicht ist es den Bewohnern auch wichtig, daß, wenn schon nicht wie beim Reihenhaus alle Passanten, wenigstens die Nachbarn in die Zimmer schauen können. Es ist jedenfalls kein Zufall, daß das 1960 entwickelte Vorfertigungssystem der Firma Wilma Bouw, in dem die Gebäude errichtet wurden und von dem sie ihren Namen hatten, Laubengänge verwendet.

Im durch die drei Gebäude von der Straße abgegrenzten Bereich ist ein großer Hof, der den Namen Bomansplaats (Bomanhof) trägt. Er ist öffentlich zugänglich, auf ihm stehen viele große Platanen, aber er ist ausschließlich Parkplatz.

Eine Gestaltung, die zum Aufenthalt oder irgendeiner anderen Nutzung als für das Auto einlädt, ist nicht einmal angedeutet. Hier zeigt sich die niederländische Architektur von ihrer schlechtesten Seite. Vom großen Vorbild der Lijnbaan ist der Raum unendlich weit entfernt. Es ist, als solle der Platz, der durch das Bauen in die Höhe eingespart wurde, wieder möglichst sinnlos verschwendet werden.

So ärgerlich diese städtebauliche Verschwendung auch ist, das Beispiel zeigt klar, wie gut die Niederlande auch hohe Wohngebäude zu bauen verstanden. Aber sie wollten meist einfach nicht.

Advertisements