Klassenkampf in Klatovy

Städtebau ist immer ein wichtiges Mittel des Klassenkampfs. Le Corbusier, dem nichts ferner lag als Klassenkampf, beschrieb in Punkt 13 und 14 der Charte d’Athènes (Charta von Athen), wie die Villen der Reichen immer die Lagen mit der besten Luft und Aussicht einnehmen, während für die Mietskasernen der Armen die dreckigsten und dunkelsten Lagen bleiben. Auch in Klatovy im südlichen Westböhmen ist das so. Während die Luftverhältnisse schwer zu beurteilen sind, ist es die Aussicht sofort. In Klatovy hat man den besten Blick auf die Altstadt von Osten her. Den schwarzen und den weißen Turm, die Türme der Jesuitenkirche und der Dominikanerkirche, das Rathaus und die gotische Kathedrale sieht man hier hinter erhaltenen Teilen der Stadtmauer aufragen.

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Es ist ein Postkartenblick und er gehörte ganz selbstverständlich einem Villenviertel aus der ersten Republik. Waren die Villen eher bescheiden, so war der Blick umso exklusiver. Doch dann kam der Sozialismus und er baute direkt gegenüber den Maueranlagen einige sechsgeschossige Wohngebäude.

Wenn man vom weißen Turm und der Kathedrale durch ein Tor im ersten Mauerring geht, eingelullt vielleicht vom ach so schönen Alten, das in vielen Details in Wirklichkeit aus dem 19. Jahrhundert stammt, kann es ein Schock sein, jenseits der Grünanlage und des zweiten Mauerrings die betongrauen Fassaden, die durch zurückgesetzte Gitterbalkone rhythmisiert sind, zu sehen. Das ist eine selbstbewußte Architektur und Stadtplanung, die das Alte respektiert, aber ihm ohne Zögern das Neue gegenüberstellt. Wenn man die Straße Štorchova im Villenviertel entlanggeht, wirken die sozialistischen Gebäude wie eine Mauer aus Beton.

Das ist ein ungewöhnlich starkes Beispiel städtebaulichen Klassenkampfs. Der Blick der Villen auf die Altstadt wurde enteignet und statt weniger Bürger können ihn nun viele Proletarier genießen. Auch ist die Mauer keine Mauer, da es einen Durchgang gib, durch den tretend man die Stadtmauer und einige Türme vor sich hat.

Selbstverständlich können auch in diesen Gebäuden nur relativ wenig Menschen wohnen und können auf einer Bank vor einem anderen nur wenige Besucher den Postkartenblick erleben, sie bleiben mehr ein Symbol der neuen Machtverhältnisse in Klatovy.

Es paßt, daß beim nördlichen Ende dieser Gebäude eine kleine barocke Kapelle steht, die auch eine Wegachse durch ein folgendes kleines Wohngebiet mit vier- und achtgeschossigen Gebäuden abschließt.

Diese viel zierlichere alte Architektur vor den Stadtmauern, zu der Skulpturen von Maria und dem heiligen Václav kommen, wird von der Architektur des Sozialismus ganz wie der Blick auf die Altstadt in sich aufgenommen, damit beide schöner werden.

Das städtebauliche Konzept, die Altstadt so weit wie möglich mit fortschrittlicher Architektur zu umrahmen, ist auch im folgenden deutlich. Allerdings führt hier eine mehrspurige Schnellstraße mit großen Kreuzungen durch die Stadt. Wenn hier neue Bebauung vor der alten steht, hat sie eher den Effekt, diese vom Verkehr abzuschirmen, während der Blick hinauf in die Altstadt ohnehin weniger gut ist. Aber bald ist die Altstadt nicht mehr so wichtig und, ob in aufgereihten Achtgeschossern am Fluß oder in ganzen Wohngebieten, ist es offenkundig, daß der Sozialismus den Kampf gewonnen hatte.

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Ein Gedanke zu „Klassenkampf in Klatovy

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