Iași im Jahre AѰѮЄ/١٧٦٥/1765

Daß die Vergangenheit ein fremdes Land ist, stimmt überall. Es ist völlig unmöglich, sich vorzustellen, wie Menschen vor hundert Jahren gelebt haben, auch, wenn es in derselben Stadt war, auch, wenn sie unsere Großeltern waren. Aber es stimmt vielleicht noch etwas mehr in einem Land, daß in relativ junger Vergangenheit so viele Veränderungen erlebte wie Rumänien.

Ein erstaunliches Beispiel ist der Turm der Biserica Sfântul Spiridon (Spyridon-Kirche) in Iași. Er ist ein Torturm in der früheren Mauer um seine Kirche, wie das hier üblich ist, aber er wirkt weniger archaisch und abweisend als manche andere.

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Der untere Teil ist durchaus sehr massiv mit eher niedrigem rundbögigen Tordurchgang und ansteigenden Strebepfeilern schräg in den Ecken. Auch der zurückgesetzte obere Teil ist keineswegs schlank, aber mit den vor die abgeschrägten Ecken gesetzten Voluten und den je vier korinthischen Pilastern, durch die die Ecken gleichsam abgerundet werden, bemüht er sich deutlich um Leichtigkeit. Dazu kommt an jeder Seite ein großes rundbögiges Fenster und eine Uhr. Sogar die dicke und hohe Kuppelhaube mindert den Eindruck von Leichtigkeit kaum. Neben dem Turm stehen an beiden Seiten niedrigere Anbauten mit eigenen flachen Kuppeldächern und komplizierten floralen Mustern. Auf der Fassade ist jeweils erst ein vorhangartigen Bogen und dann ein angedeutetes Portal aus Pilastern mit Blattkapitellen und ornamentalen Giebeln, in dem statt Türen weitere Bögen und Ornamente sind. Tatsächlich waren hier Brunnen.

Der Turm ist ein unverkennbarer Barockbau, wie man ihn zwar in einem zentralen Land des Barock nicht erwarten würde, der aber auch nicht überrascht. Ob der Strebepfeiler und der Verjüngung von einer massiven Basis erinnert er entfernt an das Rathaus von Zamość, barocke Architektur anderswo am Rande Europas. Die Jahreszahl 1786 über dem Tor paßt jedenfalls gut.

Doch dann sind in den Ornamenten der Brunnenbauten Inschriften, die alles Erwartbare durchbrechen und zeigen, daß Rumänien eine völlig andere Geschichte hat als etwa Polen. Unter dem moldawischen Wappen ist im oberen quadratischen Feld jeweils eine lange Inschrift, links in kyrillischer und rechts in griechischer Schrift, und im unteren horizontal ovalen Feld eine weit kürzere Inschrift in arabischer Schrift.

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Einfach so, mitten in Iași. Die Inschriften passen sich durchaus gut in die Ornamentik ein, die eckigeren kyrillischen und griechischen Buchstaben im eckigen Feld, die runderen arabischen im runden und noch begleitet von Blumenmustern.

Nun ist es jedoch so, daß keine dieser Schriften gegenwärtig in Rumänien in Gebrauch ist; das Rumänische wird in lateinischer Schrift geschrieben. Doch in diesem fremden Land, aus dem hier Nachrichten überblieben, war das anders. Die linke obere Inschrift ist rumänisch, denn bis 1860 benutzte diese Sprache kyrillische Buchstaben, und die rechte obere ist griechisch. Die unteren Inschriften sind bei genauerem Hinsehen nur eine, die auf zwei Felder verteilt ist, entsprechend der Schreibrichtung der arabischen Schrift rechts der erste, links der zweite Teil. Sie ist türkisch, denn bis in die zwanziger Jahre benutzte diese Sprache arabische Buchstaben. Die Sprache ist hier verteten, weil nicht Rumänien, das es nicht gab, sondern die Fürstentümer Walachei mit der Hauptstadt Bukarest und Moldawien mit der Hauptstadt Iași bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Vasallen zum osmanischen Reich gehörten.

Fragt sich, wer diese Botschaften lesen soll. Ende des 18. Jahrhundert verstand jeder in Iași, der lesen konnte, die eine oder andere der Sprachen, heute versteht sie niemand. Ein durchschnittlicher Rumäne kann kyrillische Buchstaben so gut lesen wie ein durchschnittlicher Deutscher. Und selbst, wenn er Russisch gelernt hätte, selbst, wenn ein Russe vorbeikäme, es würde wenig helfen, denn das rumänische Kyrillisch kannte viele Zeichen, die andere kyrillische Alphabete schon lange nicht mehr benutzen, etwa das faszinierend schlangenartige Ѯ. Gleiches gilt für die türkische Inschrift. Ein Türke würde vermutlich nicht einmal merken, daß sie türkisch ist. Wer Arabisch kann, würde zwar die meisten Buchstaben erkennen, aber nicht die Worte, da sie eben türkisch sind, ein sehr altes osmanisches Türkisch noch dazu. Beide Sprachen waren einmal in diesen Schriften normal und gehören jetzt in gefühlt fernste Vergangenheit, da sowohl Rumänien als auch die Türkei die lateinische Schrift eingeführt haben, Rumänien nachdem es bemerkt hatte, daß seine Sprache romanisch, also ja eigentlich lateinisch, westlich ist, die Türkei einfach so, um westlich werden. Die Vergangenheit ist hier ein so fremdes Land, daß wirklich nur noch ein spezialisierter Historiker verstehen kann, was sie ganz öffentlich äußerte.

Einzig ein Grieche fände sich in einer alten Form seiner Sprache und Schrift wohl noch zurecht. Dem griechischen Text ist auch die in gewohnten, sogenannten arabischen Ziffern geschriebene Jahreszahl 1765 zu verdanken, die hilft in den anderen Texten die Jahreszahl ١٧٦٥ in tatsächlichen arabischen Ziffern und AѰѮЄ in kyrillischen Buchstaben, die auch Zahlenwerte haben, zu finden.

Kein Schild, keine Informationstafeln versuchen dem Betrachter des Turms die Vergangenheit näherzubringen, verständlicher zu machen, obwohl eine arabische Inschrift bei einer Kirche in Europa nach einer Erklärung durchaus verlangen könnte. Es liegt wohl daran, daß die Kirche und ihr Torturm zwar zentral, aber nicht angenehm erreich- oder betrachtbar liegen.

Die Kirche gehört schon seit ihrer Entstehung zum Krankenhaus, der Turm ist in recht schlechtem Zustand, sein Durchgang den Schildern nach zu urteilen schon lange versperrt und direkt davor verläuft der vielbefahrene Bulevardul Independenție (Boulevard der Unabhängigkeit).

Auf eigentümliche Weise sind die Inschriften in den fremden Schriften dadurch sehr versteckt. So kann man leicht übersehen, wie fremd die Vergangenheit eigentlich ist. Andere Tortürme und Kirchen in Iași sind aufwendig restauriert und architektonisch bedeutender, doch Inschriften wie diese haben sie nicht oder nicht mehr. Alles in der Gegenwart drängt dazu, die Spuren des fremden Lands, das die Vergangenheit ist, zu verwischen.

Falls nun noch eine Auslösung erwünscht ist: Laut den einfach zugänglichen Quellen erzählt die rumänische Inschrift davon, daß der damalige Fürst Grigore Alexandru Ghica III. die Brunnen stiftete.

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