Vysoké Mýto

Vysoké Mýto ist eine kleine Stadt in Ostböhmen, eine Provinzstadt, typisch und einzigartig wie so viele. Seine Altstadt ist genau so, wie sie sich schon aus der Entfernung zeigt: vieltürmig, zu mehreren Seiten leicht erhöht über dem Umland, eine alttschechische Idylle.

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Was sie bestimmt, sind aber nicht zuerst Gebäude, sondern der riesige quadratische Platz, um den nur einige wenig regelmäßige rechtwinklige Straßen sind, bevor die früheren Stadtmauern sie begrenzten. Diese städtebauliche Struktur erinnert sofort an České Budějovice und tatsächlich sind beide Gründungen des Königs Přemysl Otakar II. im 13. Jahrhundert, nach dem ihre Plätze heute auch heißen. Das ist jedoch bereits das Ende der Gemeinsamkeiten, da České Budějovice auch später noch eine bedeutende Stadt war und noch heute ist, während sich in Vysoké Mýto seitdem wenig getan hat. Das mag polemisch und übertrieben klingen, doch die Stadt tut alles, um diesen Eindruck zu verstärken.

Von den drei weitgehend erhaltenen gotischen Stadttoren behielt nur das Choceňská brána (Choceňer Tor) seine elegante barocke Zwiebelhaube, heute mit Holzschindeln verkleidet.

Litomyšlská und Pražská brána (Litomyšler und Prager Tor) hingegen wurden im späten 19. Jahrhundert zu neogotischen Phantasiegebilden mit patriotischen Sprüchen umgebaut.

(Pražská brána)

Die přemysltypisch abseits des Platzes gelegene Kostel svatého Vavřince (Laurentiuskirche) wurde zur selben Zeit so sehr regotisiert, das sie von außen makellos und langweilig aussieht wie aus einem Katalog bestellt.

Wenn ihre Stadt schon bedeutungslos war, scheinen sich die Verantwortlichen gedacht zu haben, dann sollte sie wenigstens so aussehen, wie sie sich die große Zeit des tschechischen Volks im Mittelalter vorstellten. Das war vor allem ein Kampf gegen den als fremd, katholisch, international begriffenen Barock.  Sogar in der Gestaltung des Platzes kann man das sehen.

In der Mitte seines großen Quadrats ist ein kleineres aus Bäumen, die zwar in der Weite des Platzes wertvollen Schatten spenden können, aber nur dazu dienen, den Blick auf die barocke Mariensäule in der Platzmitte zu verdecken.

Wie absurd es ist, mit den Formen des gotischen Mittelalters auf die glorreichen Höhepunkte der tschechischen Nationalgeschichte zurückgreifen zu wollen, merkt man leicht daran, daß Deutsche, Franzosen, Briten zur gleichen Zeit genau das gleich taten. Die Neogotik war nicht weniger international als der Barock, mit dem Unterschied aber, daß jener in seine Zeit paßte, während diese nur lächerlich ist. Auch der Haß des 19. Jahrhunderts auf den Barock war nichts spezifisch Tschechisches, wobei er in Tschechien etwas berechtigter war, da dieser Stil ja tatsächlich mit Gegenreformation, Rekatholisierung und Germanisierung verbunden war. Im Ergebnis ist Vysoké Mýto das seltene Beispiel einer tschechischen Stadt ohne barocke Kirche.

Oder jedenfalls fast. Denn nach dem rückwärtsgewandten Historismus kam in Tschechien der Jugendstil, der in manchem eine viel zu späte Fortsetzung des Barocks ist. So bekam die im Kern gotische kleine Kostel Nejsvětější Trojice (Dreifaltigkeitskirche) an der ehemaligen Stadtmauer einen Jugendstilgiebel mit Reliefs des Bildhauers Bohumil Vlček.

Seine Stufen mit halb- und viertelrunden Elementen mögen der Renaissance abgeschaut sein, doch die großen Reliefs darin geben sich entschieden barock.

Sie könnten sogar fast täuschen. Im Mittelpunkt ist eine sehr barocke Maria, die mit Kind in verzückter Pose auf einer Mondsichel steht. Auch die Wolken und Engelsgesichter, die sie rechts und links rahmen, passen gut. Doch wie die Wolken aus einer Schale unter Maria aufsteigen und sich rechts über einen der vertikalen Streben, die den Giebel gliedern, ziehen, überhaupt wie die Reliefs mit dem Giebel spielen, ist gleichsam zu barock. Es ist so barock wie der Barock gerne gewesen wäre, aber nie war, vielleicht nie sein mußte. Und in Marias linker Hand ist eine filigrane goldene Blume, die weit hervorragt, fast zum eigentlichen Mittelpunkt des Giebels wird.

Von oben zeigt aus den Wolken eine Hand zu Maria herab, aus deren ausgestrecktenm Daumen, Zeige- und Mittelfinger Strahlen zu ihrem eigenen strahlenden Heiligenschein verlaufen. Noch darüber ist im obersten runden Bogen eine Taube mit weit ausgebreiteten Flügeln als sei sie im Sturzflug. Es paßt gut, daß eine Taube der höchste Punkt des Reliefs ist, da die Kirche heute leersteht und ganz den Tauben gehört. Sie nisten weiter unten an der Fassade um die in Nischen stehenden Heiligenstatuen und vor dem bunten Fenster, halten sich aber auch im teils weit vorstehenden Relief gerne auf, so daß die symbolische obere Taube nie allein und auch nicht der heilige Geist sein muß.

Seitlich der Maria und zu ihr gewandt knien betend die tschechischen Schutzheiligen, links der heilige Václav, rechts wohl die heilige Ludmila, und außen sind zwei weitere Heiligenpaare. So kommt auch in den neobarocken Jugendstil ein wenig von der tschechisch-nationalen Thematik, die Vysoké Mýto prägt. Diese Reliefs sind insgesamt statischer, lebloser, ferner vom Barock, obwohl ein kleines Monster an einer Kette ein nettes Detail ist (seine Herrchen sind vielleicht eine amalgamierte Darstellung der heiligen Margareta, Cyriak und Philipp).

Jugendstilformen wählte die Stadt auch für die Verbindung zum Bahnhof, das heißt über die 1882 eröffnete Bahnstrecke in die weitere Welt. Nicht weit hinter der neogotischen Laurentiuskirche beginnt die zum Bahnhof führende Generála Závady (General-Závada-Straße). An den Ecken sind die Häuser höher und an der Straße selbst niedriger.

Es ist ein ortsspezifischer Jugendstil, der für die Giebel ähnlich wie bei der Kirche halbrund aufsteigende Formen verwendet, aber zugleich gibt es wenig Österreicherisches als solch eine Straße. An ihrem Ende ist rechts der Bahnhof Vysoké Mýto město (Vysoké Mýto Stadt), der seinen Namen wahrlich verdient hat. Er ist auch kein normaler Bahnhof, sondern ein zweigeschossiger Hotelbau, vor dem in einem flachen hölzernen Vorbau die Schalter und sonstigen Bahnhofseinrichtungen sind. Die Verbindung von Bahnhof und Hotel, im Großbritannien des 19. Jahrhunderts typisch, sieht man in Tschechien fast nie und erwartet sie gewiß nicht in der ostböhmischen Provinz.

Eine Art Höhepunkt des Jugendstils in Vysoké Mýto ist dann die kupferne Wetterfahne auf dem Ecktürmchen des Hotels, ein einziges schwebendes Jugendstilornament, triumphierend, frei.

Die Kirche, die Straße, das Hotel, sie sind wie ein Versuch, aus der selbstgewählten Rückwärtsgewandtheit, die die Stadt prägt, auszubrechen. Der Jugendstil war dazu der logische Stil, aber er war auch das letzte Aufbäumen einer sterbenden Zeit. Kirche, Straße, Hotel sind späte Werke, wie der ganze Jugendstil nur ein Zwischenschritt zur Befreiung von Architektur, Kunst und Welt war. Aber angesichts des Přemysliden-Disneylands, zu dem das 19. Jahrhundert Vyoské Mýto hatte machen wollen, ist das schon viel.

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2 Gedanken zu „Vysoké Mýto

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