Johannes von Nepomuk im Exil

Wenn man den Johannes von Nepomuk im Dorf Velká Dobrá bei Kladno sieht, hat man nicht das Gefühl, daß er dort nicht hingehöre.

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Auf einem schlichten Sockel steht er, das Kruzifix mit beiden Händen haltend, um den Kopf fünf goldene Sterne, in der linken Hand ein goldener Palmwedel, eher hineingesteckt als plausibel gehalten – eine Skulptur durchschnittlicher Qualität wie so viele andere auch. An die große Durchgangsstraße in Velká Dobrá paßt er so gut wie der Weiher weiter unten und die kleine barocke Kapelle von 1816 neben ihm.

Er scheint hier zu Hause, wie er ja ohnedies überall in Tschechien und anderen katholischen Gegenden zu Hause ist.

Tatsächlich aber ist dieser Johannes von Nepomuk, so wenig man es ihm anmerkt, so gut er sich eingelebt hat, nur im Exil. Ursprünglich stand er im nahen Kladno auf einer Säule an der Hauptstraße, die damals Královská Třída  (Königsallee) hieß und heute T.G. Masarykova (T.-G.-Masaryk-Straße) heißt. Diese wurde am 5. Juli 1919 während einer Demonstration gestürzt. Es war der Vorabend des Jahrestags der Verbrennung von Jan Hus und Johannes von Nepomuk galt damals bei den antiklerikalen Kräften in Tschechien, zu denen sowohl die bürgerlichen Nationalisten als auch die Sozialisten gehörten, als eine Art Anti-Hus, als Symbol der brutalen Rekatholisierung nach 1622. In den ersten Jahren der 1918 gegründeten tschechoslowakischen Republik gab es Forderungen, nicht nur die Denkmäler der österreichischen Monarchie, sondern auch alle Nepomuk-Statuen zu entfernen. Offizielle Politik wurde das nie, aber es kam zu einigen spontanen Bilderstürmen, insbesondere in Gegenden mit starker Arbeiterbewegung wie Kladno.

Fast ein halbes Jahrhundert lag der gestürtzte Johannes von Nepomuk im Garten des Dekanats, bevor er 1968 wenigstens ins Exil des noch immer frommeren oder mittlerweile gleichgültigen Dorfs Velká Dobrá ausreisen durfe. Er kehrte nie nach Kladno zurück, nie wirklich. Seit 2003 steht an der alten Stelle eine Kopie auf einer leicht spiralförmigen Stele aus dunklem Stein.

Das ist nicht ganz schlecht gelöst, da es nicht die Illusion des heilen Alten schafft, und auf einer Tafel sind vage auch die Ereignisse von 1919 erwähnt.

Ein Denkmal verdient hätten jedoch die damaligen Bilderstürmer, die sich als Nachfolger der Hussiten sahen. Heute kann man über ihren gleichsam katholischen Glauben an die magische Kraft von Bildern vielleicht lächeln, aber ihr Wirken war ein faszinierender Ausdruck des tschechischen Antiklerikalismus. Wie man heute weiß, brachte die konsequente antiklerikale Politik erst der bürgerlichen, dann der sozialistischen Republik die organisierte Religion in Tschechien zum Verschwinden, ohne daß ein einziger Johannes von Nepomuk mehr fallen mußte.

Auch das Zentrum von Kladno hatte er nie ganz verlassen, da er als einer von vier Heiligen um die Mariensäule auf dem Platz steht – hier bloßhäuptig und mit dem Birrett in der Hand, was eine der größeren Freiheiten in seiner Darstellung ist, die sich barocke Künstler erlauben durften.

Das potentielle Denkmal für den neohussitischen Bildersturm von 1919 dürfte weiter gehen, es könnte sogar die originale Nepomuk-Skulptur auf originelle Art einbinden, etwa im Fall. Das wäre eine Rückkehr aus dem dörflichen Exil in eine bessere Gegenwart, aber die Zeit für solch ein Denkmal ist leider auch erst einmal vorbei.

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Ein Gedanke zu „Johannes von Nepomuk im Exil

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