Erkundungen auf Friedhöfen: Zittau am Hang

Eine schönere Lage könnte Zittaus Friedhof kaum haben. Er nimmt einen eigenen niedrigen Hügel ein, so daß er ein Ort ganz für sich ist. Dennoch läßt man die Welt nicht ganz zurück, wenn man durch die Memento Mori des barocken Tors getreten ist.

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Vielmehr ist man ihr näher, da der Friedhofshügel sowohl Blicke zu den nahen Türmen der Altstadt als auch zum weiten Bergpanorama nach Tschechien hin bietet.

Am höchsten Punkt des Hügels steht eine stattliche, aber etwas unförmige gotische Kirche mit barockem Türmchen, aber die ist eher Ausgangs- als Mittelpunkt des Friedhofs. Statt bei ihr zu verweilen, fließt er gleichsam die Hänge Richtung Gebirge hinab.

An der steilsten Stellen verwandelt sich der Hang in ein ungemein verschachteltes Gewirr aus Treppen und Terrassen. Zusammen mit den dichten Nadel- und Rhododendronsträuchern entsteht eine Art grünes Labyrinth, in dem nun tatsächlich die Umgebung ganz unwichtig wird und man ganz bei den Gräbern sein kann. Die Treppen und Terrassen sind dabei ohne jede erkennbare Ordnung angelegt, wodurch man in diesem bloß kleinen Teil des Friedhofs viel Zeit verbringen und immer wieder Neues entdecken kann.

Mal sind die Terrassen miteinander verbunden, mal völlig separiert, mal stehen viele Grabsteine, mal nur ein einzelner auf ihnen. Daß zwei Treppen zu einer winzigen Terrasse, die im Winkel zweier anderer eingefügt ist, führen und dort nur ein kleiner klassizistischer Grabstein steht, ist durchaus nicht ungewöhnlich.

Zumeist könnten die Gräber auch überall anders sein, sie sind so zufällig wie die Struktur des Orts, den sie bilden. Zwei jedoch wissen um ihre Umgebung. Das erste steht noch oben am Hang, bevor die Terrassen wirklich beginnen und hat einen großen klassizistischen Stein auf drei oder sogar vier Sockeln.

Ganz unten rechteckige Blöcke, darüber ein an Basaltfelsen erinnernder Teil mit aufrechten sechseckigen Blöcken, darauf kleiner wieder rechteckige Blöcke und noch darüber eine sich nach innen verjüngende Bordüre mit Rankenornamentik. Erst darauf ruht gleich einem kleinen antiken Tempel oder eher dem Modell eines Tempels der eigentliche Grabstein. Seine Fläche ist durch einen rechteckigen unteren Teil, einen rundbögigen Durchbruch in der Mitte und eine darüber verlaufende Bordüre aufgeteilt. Den Abschluß bildet ein auf einem Kranzgesims deutlich überstehendes Dach mit gleich zwei dreieckigen Giebeln, die durch halb- und viertelkreisförmige Elemente verbunden sind.

So klar und streng wie der Aufbau sind die weiteren schmückenden Reliefs. An den Schmalseiten sind oben Kränze und unten zum Kreis gewordene Schlangen, die sich in den eigenen Schwanz beißen, und nach unten zeigende Fackeln.

An der Rückseite sind oben gekreuzte Ährenbündel und unten Palmwedel. An der Vorderseite ist oben auf einem Sims über dem Rundbogen ein über einer Urne kniender Engel und beidseits von ihm Kränze. Die übrigen Flächen neben dem Boden sind den Inschriften vorbehalten. Vorne sind ausführlich die Verstorbenen aufgeführt, wobei interessant ist, daß Martha Jansche zwölf Jahre alt war, als sie den einundzwanzigjährigen Gutsbesitzerssohn Gottlieb Scholze heiratete.

„Hier ruhet
Hr. Gottlieb Scholze
Gutsbesitzer in Olbersdorf
Brauberechtigter Bürger
in Zittau
sowie auch Landtags-Deputirter
geboren in Reichenau
den [?] Febr. 1777
gestorben in Zittau
den [?] 1857“
„Hier ruhet
an der Seite ihres Gatten
die vorangegangene
Fr. Martha [?] Elisabeth
Scholze geb. Jansche[?]
Sie ward gebor. zu Reichenau
den 15. Octbr. 1786
verehelicht den [?] Nov. 1798 mit
Gottlieb Scholze
Gutsbesitzer in Olbersdorf
und starb den 7. Novbr. 1855
Sie zeugten in 57 jähr. Ehe 7 Kind
als 2 Söhne und 5 Töchter
davon sind ihnen 2 Söhne und 1 Tochter
durch den Tod in die Ewigkeit
vorangegangen.“
Während das aus heutiger Sicht sehr fremd wirkt, enthält das lange Gedicht auf der Rückseite, das vielleicht eigens für das Grab geschrieben wurde, romantische Vorstellungen, die uns deutlich näher sein mögen.

„Nach manchen schwülen Lebenstagen
Labt Dich die kühle Schlummernacht
Nun schweiget deiner Sehnsucht Klage
Nun ist Dein Leidenskampf vollbracht
Darum gönnen wir Dir deinen Frieden
Ein schöner Trost ist uns beschieden
Du wandelst dort in höhern Licht
Du stirbst in unsern Herzen nicht.
Nicht kennen kann der Tod die Herzen
Die treu und fest das Leben band
Sie folgen nach der Erde Schmerzen
Sich in das ew’ge Friedensband
Und liebend wie sie heimgegangen
Hält hier ein Grabmahl sie umschlangen
Dort jauchzen sie in Morgenroht
Die Liebe kennet nicht der Tod
Wir meinen nicht, daß er von uns geschieden
Er floh des irdschen Lebens flücht‘gen Tand
Der Tugend schönster Lohn war ihm beschieden
In jenem ew‘gen bessern Friedensland
Denn thatenreich und edel war sein Leben
Das gute Herz geöffnet fremdem Leid
Und rein und lauter seines Geistes Streben
Und Wohlthun sein höchste Seligkeit
Wer so gelebt, der ist uns nicht
gestorben.
Ob auch geendet seines Lebens
Traum
Sein Name hat Unsterblichkeit
erworben
Lebt fort in unres Herzens
tiefstem Raum.“
Das Entscheidende an dem Grabstein ist aber nicht die steinerne Fläche, sondern ihre Lücke, der rundbögige Durchbruch. Steht man davor, sieht man durch ihn nur etwas links die beiden Türme der Johanniskirche.

Die Öffnung in der Mitte, die man für ein interessantes, aber beliebiges Gestaltungselement halten könnte, verbindet das Grab mit der Kirche, den Friedhof mit der Stadt. Die Kirche, damals ein Neubau, wird durch den Blick zum Teil des Grabs, zu seiner Mitte gar. Dadurch gewinnt nicht nur das Grab, sondern auch die Kirche, deren monumentaler Klassizismus durch den Rahmen des weit filigraneren, menschlicheren Klassizismus beinahe schön wird.

Das zweite Grab, das um seine Umgebung weiß, ist das der Familie Domschke. Es liegt eigentlich schon am Fuße des Hangs, aber der separierte Raum, den es bildet, gehört noch ganz zu dessen Terassensystem.

Zuerst sieht man zwischen dem Rhododendron eine große Skulptur, die eine schlanke Männergestalt in einem langen GEwand zeigt. Den rechten Arm hat sie mit geöffneter Handfläche leicht nach oben vorgestreckt, während die linke Hand nach unten weist. Das Gesicht ist dabei so ernst und streng wie die gesamte Skulptur wirkt. Was sie zeigen soll, ist nicht klar, aber etwas eindeutig Religiöses ist es nicht, eher vielleicht etwas Antikes und ob der Gestik kann man auch Assoziationen mit einem Verkehrspolizisten schwer vermeiden.

Als nächstes sieht man den Namen Domschke, der auf einem niedrigen Mäuerchen weit vor der Skulptur steht. Zur antiken Würde der Skulptur will dieser irgendwie gewöhnliche, irgendwie slawische, irgendwie sächsische Name nicht passen, auch wenn er sich mit seinen großen kupfernen Buchstaben in schnörkelloser Schriftart, die wirklich auf dem Mäuerchen stehen und durch die man aufs Grün des Grabs blickt, sehr darum bemüht.

Der Namenszug ist schon mit weniger auffälligen Teilen der Grabanlage verbunden. Vom Hang links kommt das Mäuerchen mit Schieferverkleidung und Betonsims heran und wird für die Buchstaben eine Stufe niedriger. Das E von DOMSCHKE setzt sich als schmaler kupferner Streifen fort, der kurz darauf, da das Mäuerchen in einer abgerundeten Ecke noch eine Stufe tiefer wird, ein freischwebendes Geländer bildet. Noch vor der nächsten abgerundeten Ecke verschwindet das Mäuerchen ganz und wein niedrigeres Geländer läuft alleine weiter.

Vor der Skulptur und parallel zur Namensseite schließt es an den einfachen, an den Seiten niedrigeren und in der Mitte höheren Grabstein an, biegt danach um noch eine abgerundete Ecke und endet, kurz bevor es mit dem Mäuerchen eine rechteckige Fläche umschließen würde, in einem kleinen kupfernen Kreuz.

So führt das Mäuerchen über den Namen und das aus ihm erwachsende Geländer in einer Art Spiralform in die Grabanlage hinein. An der rechten Seite gab es eine kleine Pforte und links hinten im Hang steht eine große, von abgerundetem Beton gefaßte Bank mit hölzerner Sitzfläche.

Der eigentliche Grabstein nun ist eingebettet in den von Mauer und Geländer umgebenen Bereichs, zwischen Name und Skulptur. In der Mitte ist ein schmales Bronzerelief, das eine flache Schale zeigt, die von unten zwei Hände halten, während oben zwischen vier kleinen Sternen Rauch aufsteigt. Darum stehen in Schwarz die Vornamen der Familienmitglieder, allesamt Doppelnamen.

Den Anfang macht 1932 Alma-Hulda, auf wann das Grab Domschke also zu datieren ist, den Abschluß 2002 Gisela-Ute, der der gute Erhaltungszustand zu verdanken ist. Zwar versinkt es gleichsam im Rhododendron, der Grabstein ist zwischen Efeu auf dem Boden und verschiedenen Pflanzen fast versteckt, aber das wirkt geplant, nicht verwahrlost.

Das Grab lebt vom Kontrast zwischen der Monumentalität der Skulptur und den viel intimeren Elementen im Inneren, dem Kontrast zwischen dem Wunsch, von weither gesehen zu werden, und der der Verweigerung, jemanden zu schnell und zu leicht in seine Nähe zu lassen, dem Kontrast zwischen Öffentlichem und Privatem mithin. Überall wäre solch ein Grab ein bemerkenswertes Ensemble, aber hier, an den verwinkelten Hang des Zittauer Friedhofs, paßt es so wirklich. Gewiß ist das kein Zufall und wer es gestaltete wußte, daß er mit ihm geplant fortsetzte, was diesen Teil des Friedhofs seit jeher zufällig ausgezeichnet hatte.

Beide Grabmäler, das von 1855  und das von 1932, zeigen, daß Friedhofsarchitektur weit mehr als ein Stein mit irgendwelchen Aufschriften und Verzierungen sein kann. Die schöne Lage des Zittauer Friedhofs wird noch schöner, wenn sie so bewußt architektonisch ausgenutzt wird.

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