Die Architekturen des Abts

Es genügt nicht, etwas einmal, zweimal zu sehen, man muß alles tausendmal sehen. Der Pałac Opatów (Äbtepalast) in Oliwa in Gdańsk etwa. Ein Blick zeigt ein schlichtes und leichtes Barockschloß, Teil des Ensembles mit Kirche und Park, aber vielleicht weniger bedeutend als diese.

Ein zweiter Blick kann ihm Geheimnisse entlocken, die keine sind, und ihn nicht als Teil, sondern als Mittelpunkt eines viel ungewöhnlicheren Ensembles, in dem ihm auch die Kirche als Seitenflügel untergeordnet ist, zu erkennen geben.

Aber das ist nicht alles. Ungezählte weitere Blicke sind nötig und wenn auch die meisten nichts Neues zu zeigen scheinen, sind sie alle unendlich wichtig. Vielleicht gibt es dann einen Moment, wo das Sonnenlicht wie ein Scheinwerfer genau das mittlere Relief unter dem Giebel an der Hofseite anstrahlt und das zuvor ruhende Gebäude in Bewegung gerät als sei ein Windstoß in einen Baum gefahren.

Denn der Äbtepalast ist ja ein vegetales Gebäude. Sein später Barock, den man gut Rokoko nennen kann, ist Befreiung sowohl für die Konstruktion als auch für das Ornament. Erstere muß nichts mehr vortäuschen, braucht keine Säulen mehr an unsinnigen Stellen, kann sich darauf beschränken, Räume zu umschließen und mit vielen großen Fenstern nach außen zu öffnen. Zweiteres kann die entstehenden Wandflächen als Leinwände benutzen.

Es ist eine relative Befreiung, denn die Konstruktion muß den strengen, nur in den glücklichsten Fällen gebrochenen Symmetrieansprüchen des Barocks genügen und das Ornament muß noch so tun, als sei es Kapitell eines Pilasters oder Schlußstein eines Fensterbogens. Aber es kann sich mit Andeutungen begnügen und ansonsten machen, was es will.

Alle Ornamente sind floral, als seien über die schmucklose Fassade Ranken gewachsen, die ganz zufällig an den Stellen der Kapitelle herunterhängen. Entsprechend gleichen sich alle der Ornamente sehr, doch keines ist ganz mit dem anderen identisch. Bei den Kapitellen ist jeweils ein großes, entfernt blattartiges Element, von dem filigran geschwungene Rankenformen nach unten führen, der mittlere Teil jeweils am weitesten.

Bei den Bögen über den Fenstern wachsen die schlanken Formen in der Mitte zu einer dickeren zusammen, aber sie treffen sich nie ganz, immer weicht ein Teil aus, steigt im brüsken Schwung auf, als solle kein Zweifel daran gelassen werden, daß hier keinerlei Funktion erfüllt wird.

Wie bei einem Vexierbild kann man beim Palast in Oliwa entweder die klare Konstruktion sehen oder die ihr aufgesetzten Ornamente, die nicht behaupten, mehr mit ihr zu tun zu haben als Schlingpflanzen mit den Gebäuden, über die sie wachsen. So raschelt der Palast im Wind wie der Park, in dem er steht. Aber das erwähnte Spotlight der Sonne zeigt noch etwas anderes. Dort oben unter dem Giebel und im Abschluß der drei Fensterreihen sind drei schmale horizontale Flächen, in denen die Ornamente weder Kapitell noch Schlußstein spielen müssen in wenn auch noch so ironischem und durchschaubarem Spiel, sondern wirklich wie auf einer Leinwand sind. Auf den ersten, zweiten und wohlmöglich auch tausendsten Blick sind sie dennoch bloß floral wie alle übrigen. Erst ein zufälliger Blick auf eine durch die Zufälligkeiten des Lichts herausgehobene Fläche zeigt die Wahrheit: dort sind Architekturszenen.

In der linken Fläche wird ein Tempel mit runden Bögen aus dem Hintergrund links zur Mitte hin größer, dann folgt ein Füllhorn, aus dem lange Blätter wachsen und weitere unklarere Formen.

In der rechten Fläche sind mittig und rechts zwei steinerne Rundbögen, davor eine geschwungene horizontale Form, die ein Geländer oder ahistorisch eine Eisenbahnschiene sein könnte, und im Hintergrund palmenartige Blätter.

In der mittleren, der illuminierten Fläche sind in der Mitte ein runder Turm mit Kuppelhaube über einem großen rundbögigen Tor, links eine Palme und rechts ein weiterer Turm mit abgebrochener Haube.

Diese ganz einfachen und doch deutlichen Szenen erwachsen aus einer Grundfläche und sind immer mit vegetalen Formen verwoben. Es sind zweifelsohne Ruinenlandschaften, überwucherte einst stolze Gebäude, römisch, antik. Die antiken Formen, von denen das Gebäude bereits frei ist, wurden in einem wunderbaren Einfall in diese drei Flächen ausgelagert. Statt Antikes nachahmen zu müssen, darf die Ornamentik Antikes darstellen und damit aufhören, Ornamentik zu sein. Es ist kein Zufall, daß diese Szenen an der privateren Hofseite zu finden sind; in den entsprechenden Flächen an der Parkseite sind tatsächlich nur Ornamente.

Überhaupt ist die Hofseite die weit radikalere. Nur der mittlere Teil hat überhaupt Ornamente und auch das nur bei den Kapitellen, sonst liegt die Konstruktion in äußerster Schlichtheit frei, wobei das auch dem Wiederaufbau in den Sechzigern geschuldet sein kann.

Es ist daher traurig, daß das sandsteinerne Portal der konventionellste Teil des ganzen Palasts ist.

Es hat Pilaster, immerhin mit Blätterkapitellen, einen Giebel, immerhin gebrochen aus geschwungenen Teilen um ein Fenster, und im Schlußstein des runden Bogens ein Engelsgesicht, das nicht nur von niedrigster künstlerischer Qualität ist, sondern auch noch empörenderweise nahelegt, dieses für den Abt Jacek Rybiński errichtete Gebäude habe etwas mit Religion zu tun. Aber innerhalb dieses großen Ensembles, der letzten Tat eines katholischen polnischen Kirchenfürsten bevor sein Land an die protestantische deutsche Krone Preußens kam, wird solch ein Gedanke schnell absurd, ja, kommt auch bei tausend Blicken gar nicht auf.

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Ein Gedanke zu „Die Architekturen des Abts

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