Erkundungen auf Friedhöfen: Die Madonna der fünfziger Jahre

Seit dem 19. Jahrhundert gilt es als lustig, daß frühere Zeiten die Gestalten der Bibel in die jeweils zeitgenössischen Moden gekleidet haben. Eine Maria in mittelalterlicher Haube oder im barocken Kleid – wie naiv sie waren! Dem 19. Jahrhundert fiel dafür ein, die Bibelgestalten in rekonstruierte antike Kostüme zu stecken und merkte nicht, daß es sich damit erst recht lächerlich machte, denn zum einen ist es unmöglich genau zu wissen, was sie anhatten, und zum anderen waren sie keine wirklichen Menschen. Die verlachten früheren Zeiten handelten viel vernünftiger, wenn sie die fernen, alten Charaktere mit zeitgenössischen Kleidern in ihre Gegenwart holten. Sie machten sie so wieder lebendig, gebaren sie von Neuem. Auch später geschah solches trotz dem offiziellen Amusement noch manchmal.

Auf dem Friedhof von Święty Wojciech, einem Dorf am Rande von Gdańsk, kann man etwa eine Madonna der fünfziger Jahre sehen.

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Auf einer schmalen eckigen Betonstele, die heute deutlich schräg steht, ist sie etwa ab der Hüfte gezeigt wie sie den etwas links vor ihr stehenden und bis zu ihrem Kopf reichenden Jesus hält. Auch die beiden sind ganz aus Beton und sie sind zuerst eine Mutter und ihr Kind. Marias Blick ist ernst nach vorne gerichtet, die Haare hat sie im Dutt zusammengebunden. Jesus ist ein Kind mit pausbäckigem Gesicht, Locken und stilisiertem Hemd, das linke Bein hat er wie im Gehen vorgesetzt, aber sie hält ihn unter dem rechten Arm und der linken Hand, damit er nicht fällt.

Zugleich sind die beiden eindeutig Jesus und Maria. Er hat die Arme gerade zu den beiden Seiten ausgestreckt, sein Körper ist ein Kreuz. Um ihren Kopf ist ein Heiligenschein, ein einfacher stählerner Reif, aber von ihrem Rücken ausgehend so groß, daß er auch seinen Kopf aufnimmt. Sie sind ganz Menschen ihrer Zeit und doch mehr, gerade dadurch mehr.

Zwischen hunderten kitschigen Kruzifixen des Friedhofs ist allein hier die Stärke des Katholizismus, die so viele große Kunstwerke hervorgebracht hat, zu spüren. Die Madonna der fünfziger Jahre ist somit ein völlig aus der Zeit gefallenes Kunstwerk, denn diese Zeit brauchte keine religiöse Kunst mehr und ihr gelang deshalb fast nie welche. Irgendetwas, vielleicht eher Kunstsinn und Geschmack als Religiosität, erlaubten der Familie der hier begrabenen und in einer im vertieften Relief gestalteten Inschrift geehrten Maria Popławska ein Werk schaffen zu lassen, das gerade dadurch, daß es völlig ins Jahr 1951 gehört, mehr vom Jahr 1751 als vom Jahr 1851 hat.

Maria Popławska geb. Daniel ruht hier in Gott 1870-1951

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