Doppelte Wallfahrt: Katholischer Teil

Die seltene Möglichkeit zu zwei Wallfahrten sehr verschiedener Art bietet sich in Bystřice pod Hostýnem. Die erste ist die konventionellere, katholische.

Wenn man sich der Stadt nähert, sieht man auf einem der niedrigen Berge einen riesigen Kuppelbau mit zwei Türmen. Der erste Gedanke ist selbstverständlich, daß es sich um eine Wallfahrtskirche handeln muß und, obwohl das Grau dieses Gebäudes und ein nahes Windrad kurz an ein unkonventionell plaziertes Kraftwerk denken lassen, ist der erste Gedanke richtig: es ist die Kirche Nanebevzetí Panny Marie (Mariä Himmelfahrt) und der Berg ist der Hostýn, an (wörtlich: unter) dem Bystřice liegt.

Am Bahnhof sind die Gedanken an Kirchen und katholische Wallfahrten erst einmal fern. Auch im Stadtzentrum ändert sich das kaum; der Hostýn oder seine Kirche sind von hier nicht zu sehen. Bloß auf dem Sockel der Johannes von Nepomuk-Statue neben der Stadtkirche ist ein eigenartiges Relief: es zeigt eine Maria mit einem Jesuskind im Arm, das mit der ausgestreckten Hand Blitze auf die Umgebung herunterschießt.

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Das, wird man später herausfinden, ist die Maria, die auf dem Hostýn verehrt wird.

Hinauf auf den Berg führen der blaue und der rote Wanderweg. Man passiert noch einige Darstellungen der nämlichen Maria, die allesamt neuer und kitschiger sind. Nach den letzten Häusern folgt Wald, die Wege werden steiler und beschwerlicher als man das beim nur 734 Meter hohen Hostýn erwarten würde, aber so muß das vielleicht sein. Denn was ist eine Wallfahrt, wenn nicht ein anstrengender Weg zu einem Ort, der einen in seinem Glauben bestärkt? Zuerst erreicht man die kleine barocke Vodní kaple (Wasserkapelle), dann, endlich, hat man am Ende einer langen Treppe die große Kirche vor sich.

Man befindet sich nun in einer Parallelwelt des tschechischen Katholizismus.

Bemerkenswert ist, wie wenig hier bemerkenswert ist. Die Kirche ist selbstverständlich barocken Ursprungs, hat ihre heutigen Formen, vor allem das große Marienmosaik über dem Eingang, jedoch aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert.

Weniger Jugendstil als leblosester Historismus prägen alles, wobei die Skulpturen sogar noch ein wenig schlechter als das Mosaik sind. Als der tschechische Katholizismus das gestaltete, war er offensichtlich schon im Abstieg. Er konnte keine wirklich großen Künstler mehr für sich gewinnen und wenn er es gekonnt hätte, hätte er sie nicht gewollt.

Um die Wiesen links der Kirche im Schatten des Windrads gibt es gleich zwei Kreuzwege.

Während der eine neobarock ist, hat der zweite in einem eigentümlichen Stil, der durch die Verwendung von bunt bemaltem Holz an die Kunst nordamerikanischer Ureinwohner erinnert.

In einem letzten Aufbäumen des Katholizismus wurde die große Treppe zur Kirche in den frühen Fünfzigern von Studenten des Olomoucer Priesterseminars neu errichtet. Man kann sich vorstellen, wie sie im Aufbaufieber der Zeit zeigen wollten, daß auch sie, nicht nur die Kommunisten, anpacken können. Aber das sie das zeigen wollten, zeigte nur, daß sie verloren hatten.

Heute ist der Katholizismus in Tschechien eine eher marginale Subkultur. Die geringe Bedeutung von organisierter Religion in dem Land verleitet manche dazu, es atheistisch zu nennen, doch das ist leider keineswegs wahr. An die Stelle des Christentums traten bloß allerlei esoterische Gruppierungen, die das Bedürfnis nach Aberglauben auf unkonventionellere Art stillen. Es bleibt abzuwarten, ob die Kirchenrestitution, in der die tschechische Regierung der katholischen Kirche eine Unmenge zuvor verstaatlichter Immobilien schenkte, zu einem Wiedererstarken des Katholizismus führen wird. Das große Poutní dům (Pilgerheim) vermag er immerhin noch zu füllen und auch in den vielen beidseits der Treppe angeordneten Ladenbuden mag manchmal mehr als nur die obligatorische Kneipe geöffnet sein.

In Ermangelung irgendwelcher künstlerisch oder architektonisch wertvollen Element lohnt eine Wallfahrt auf den Hostýn letztlich nur, wenn man an eine Maria mit blitzewerfendem Jesus glauben kann oder eine billige Übernachtungsmöglichkeit sucht. Aber Bystřice bietet eben noch die Möglichkeit zu einer zweiten Wallfahrt: einer kommunistischen.

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