Freiestadtarchitektur

Eine eigene Architektur bildete die Freie Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk der Zwischenkriegszeit nie heraus. Das liegt weniger an den bloß zwanzig Jahren ihres Bestehens (1919-1939), als daran, daß beinahe alle politischen Kräfte gegen ihre Unabhängigkeit waren (erst nach der Machtübernahme der Nazis im angrenzenden Deutschland erkannten die örtlichen Kommunisten und Sozialdemokraten deren Wert, was aber die Wahlsiege der örtlichen Nazis auch nicht mehr verhinderte). Während es politisch einen starken polnischen Einfluß gab, ist er in der Architektur nicht zu erkennen, obwohl zeitgleich im nahen polnischen Gdynia eine ganze kapitalistische Stadt in modernistischen Formen entstand.

So gleicht die architektonische Entwicklung der Freien Stadt in den zwanziger Jahren ganz der in bürgerlich regierten Städten in Deutschland. Eher als repräsentative Gebäude, von denen ja die Kaiserzeit mehr als genug geschaffen hatte, entstanden Wohnsiedlungen. Die größte von diesen befindet sich in Wrzeszcz, dem damaligen Langfuhr. Auf ehemaligen Kasernengelände ist dort viel dreigeschossige Blockrandbebauung, bloß mit offenen Gärten statt mit Hinterhöfen und manchmal offenen Ecken, ausgerichtet vor allem an der geraden Aleja Legionów (Allee der Legionen), damals Heeresanger, und der sie geschwungen kreuzenden Tadeusza Kościuszki (Tadeusz-Kościuszko-Straße), damals Ringstraße. Den Mittelpunkt bildet ein keilförmiger Platz, der noch an kaiserzeitliche Bebauung anschließt. Städtebaulich ist daran nichts erwähnenswert und an den Bauformen letztlich auch nicht.

Bloß eine Veränderung, ein Fortschritt ist an der Kreuzung der beiden Straßen gut zu beobachten.

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An der einen Ecke sind die älteren Teile von Mitte der Zwanziger, einfache dreigeschossige Gebäudezeilen mit Satteldächern und Treppengiebeln. An der anderen Ecke und entlang eines großen Teils der Ringstraße verlaufen einfache dreigeschossige Gebäudezeilen mit Walmdächern, die aber nicht bis zur Trauflinie reichen, sondern hinter höhergeführten Wänden gleichsam versteckt sind, so daß man sie aus vielen Positionen nicht sieht.

Während erstere Gebäude verputzte Fassaden haben, sind die der zweiteren aus blankem roten Backstein. Wie sehr diese Gebäude von Ende der Zwanziger schon eine inzwischen modisch gewordene Sachlichkeit anstreben, sieht man etwa an den Brückentrakten über den Durchgängen in die rückwärtig angrenzenden Straßen. Diese haben Flachdächer, die Fenster sind durch schmale graue Betonelemente zu Bändern zusammengefaßt und die Horizontalität des Bodens und des Dachs wird noch durch weitere grauen Linien betont.

Noch deutlicher ist es bei den Eckbauten beidseits des Heeresangers. Sie sind vier Geschosse hoch, doch nicht die Höhe ist betont, sondern die horizontalen Elemente und die optische Auflösung der Ecke. Wieder laufen graue Linien zu den Eckfenstern hin, die nur durch ein schmales Betonelement ganz in der Ecke separiert, aber zugleich auch zusammengefaßt sind.

Diese Gebäude wollen transparent, modern, bauhausstilig sein, schaffen es aber noch nicht ganz.

Auf der einen Seite hat man also die Giebel, die einen Bezug auf das alte Danzig behaupten, aber überall anders auch hätten gebaut werden können und gebaut wurden, auf der anderen das Bestreben um von historischen Vorbildern freie Sachlichkeit. Diesen Fortschritt, das Abkommen vom Giebel, betont Martin Kießling im Jahre 1929 in seinem Text „Neue Baugedanken im alten Danzig“ voller Stolz. Er, als Stadtbaurat und teils auch als Architekt verantworlich, hatte dazu sicher alles Recht und sein Text ist zudem ein faszinierender Einblick in die Gedankenwelt eines weder jungen noch radikalen, aber dem Neuen aufgeschlossenen preußischen Architekturfunktionärs.

Interessanterweise nehmen die sachlichen Gebäude jedoch auf eine subtile Art durchaus Bezug auf alte Gdańsker Architektur. Noch mehr als durch den Backstein geschieht das durch die Dächer. Solchermaßen versenkte Walmdächer hat auch das Rathaus der Stare Miasto (Altstadt),

während es beim Dwór Bratctwa św. Jerzego (Hof der Sankt-Georg-Bruderschaft) ein Zeltdach ist.

Bei allen Unterschieden sind beide Beispiele einer noch das Beste der Gotik nutzenden Renaissance mit starker lokaler Prägung. Und beide verstecken ihre Dächer geradezu. Statt mit Vordergründigem wie Giebeln beziehen sich die Gebäude in der Kościuszki also mit einem weit spezifischer mit Gdańsk verbundenen Element auf das Alte.

Möglich, daß dies ein Ansatzpunkt für eine genuin freiestädtische Architektur gewesen wäre. Aber eine solche entwickelte sich wie gesagt nie und wäre auch nicht mehr als eine Kuriosität geblieben, denn die Zeit brauchte keine neuen Lokalstile, sondern fortschrittliche Architektur. Etwas, das über die Freie Stadt hinausgehen und auch mit Gdynia hätte konkurrieren könnnen, ist das weiße Gebäudeensemble am Beginn der nahen Aleja Hallera (Haller-Allee), damals Ostseeallee.

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