Ein großer Platz in Nyköping

Nyköpings Stora Torget (Großer Platz) ist erstaunlicherweise genau das: ein wahrhaft großer Platz. Er ist groß, größer vielleicht, als man es in diesem Städtchen im Südosten Schwedens erwarten würde, und wird fast ausschließlich von großen Gebäuden gebildet. Ursprünglich war er vielleicht nicht mehr als eine rechteckige Verbreiterung der langen und geraden Storgatan (Großen Straße), die an seiner einen Schmalseite als Västra Storgatan (Westliche große Straße) auf ihn stößt und ihn auf der anderen als Östra Storgatan (Östliche große Straße) wieder verläßt, aber heute ist er groß.

Der Bau der Länsresidenset (Sitz der Provinzverwaltung) von 1806 nimmt die gesamte Nordwestseite des Platzes ein, ohne dabei dominant zu wirken. Das gelingt ihm dadurch, daß er bei zwei Geschossen an den Seiten, drei in der Mitte und niedrigen Walmdächern fast zeitlos schlicht mit nur einigen klassizierenden Elementen ist.

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Nur an der Südwestseite stehen um die Einmündung der Västra Storgatan vermischte historistische Mietshäuser, wie es sie überall in Schweden und anderswo gibt.

Zwischen ihnen und der Länsresidenset blickt man entlang einer kleinen Straße auf den Västra Klockstapeln (Westlichen Glockenturm). Dieser einfache Turm aus vertikalen roten Holzbrettern mit in mehreren Stufen ansteigender barocker Haube steht auf einem ortstypischen Felsenhügel, dem wenig hohen höchsten Punkt der Stadt.

Wiewohl nicht unmittelbar Teil des Platzes, wirkt er deutlich in ihn hinein.

An der Südostseite steht das Rathaus von 1723, ebenfalls ein ganz schlichter zweigeschossiger Bau mit Walmdach. In anderen Gegenden hätte er barocke Formen, hier aber legen sich über die gelbe Fassade weiße Rundbögen aus imitiertem Stein, in denen auch ein markanter Schlußstein nicht fehlt. In der Mitte, die ansonsten nicht besonders betont ist, sitzt auf dem Dach ein kleines Türmchen. Sein quadratischer gemauerter Teil hat an den Ecken Voluten, die wie angeklebt wirken und das auch nicht zu verbergen suchen, und oben überstehende Rundbögen, die sich vorne um eine Uhr und hinten um ein rundes Fenster legen. Die kupferne Haube ist rund und beginnt mit einem offenen säulenumstandenen Teil.

Angrenzend steht an der Nordostseite an der Ecke zur Östra Storgatan ein stattliches barockes Bürgerhaus mit Mansarddach, das ohne jeden Schmuck auskommt. Jenseits der Östra Storgatan ist die Kirche, doch nicht etwa direkt an ihr, sondern schräg zurückgesetzt, so daß an der Ecke eine dreieckige Grünfläche mit alten Bäumen entsteht. Die exzentrische Lage der Kirche hat ihren Grund sicher darin, daß ihr gotischer Backsteinbau viel älter als alles ringsherum ist und gleichsam noch in eine völlig andere Stadtplanung – oder gar keine – gehört. Was anderswo ein Problem sein könnte, ist in Nyköping ein Glück, da so nicht nur eine Grünfläche gebildet wird, sondern auch eine wertvolle Öffnung des Platzes, die weiter in die Östra Storgatan hineinweist, wo dann bald der Nyköpingså (Nyköpingfluß) folgt.

Der Kirchturm hat eine klassizistische Haube von 1797, die wenig mehr als ein kupferummantelter Klotz mit rundbögigen, von dorischen Säulen gerahmten Öffnungen, Uhren und abschließendem Kreuz ist. Gerade im Vergleich zu den fließenden Formen auf dem roten Turm wirkt das Kupfer hier verschwendet.

Sitzt diese Haube also etwas schwer und schwerfällig über der Kirche und scheint auch den Platz bedrücken zu wollen, so öffnet sie sich ihm unten mit zwei umso leichteren Renaissanceportalen. Sie machen das, was eigentlich nur eine Seite des Kirchenschiffs ist, zur dem Platz zugewandten Hauptseite. Beide künden von der Großzügigkeit bürgerlicher Spender und das erste hat eine reiche Frucht-, ja, Gemüseornamentik, die ebensogut zu einem wichtigeren Gebäude, etwa einem Lagerhaus dieser Bürger, gepaßt hätte.

Das entscheidende Bauwerk auf dem Stora Torget von Nyköping, dasjenige, das ihn recht eigentlich erst erschafft und seine Größe ausmacht, ist das Stadshus (Sitz der Stadtverwaltung) von 1969. Zwischen den Mietshäusern der Storgatan und dem Rathaus vervollständigt es die südöstliche Seite des Platzes.

Ihm wendet es seine repräsentative Fassade zu. Auf einer Treppenanlage ist das Erdgeschoß weit zurückgesetzt, so daß recht lange und flache abgerundete Stützen aus weißem Beton mit schwarzen Metalltafeln, die teils längs, teils quer, einmal auch doppelt gesetzt sind, die oberen Geschosse tragen. Die fensterlose Fläche darüber und überhaupt der Hauptteil des Gebäudes hat eine Verkleidung aus glattem weißen Stein, die durch deutliche vertikale und weniger deutliche horizontale Streifen in Quadratflächen aufgeteilt ist. Über dem aufgestützen Erdgeschoß sind auf dem Stein links ein Emailleschild mit dem Stadtwappen, einem roten Turm auf weißem Grund, und das Wort Stadshus in kupfernen Großbuchstaben, während rechts ein ganz normales Straßenschild hängt.

Oben ist ein Aufbau mit einer hohen Front aus Glas und vertikalen braunen Holzstreben, dessen kupferverkleidetes Dach von hinten erst schräg ansteigt, dann gerade verläuft und leicht übersteht.

Nach links führt das Stadshus schräg hinter das Rathaus, wobei es mehrere Zacken bildet.  Das Erdgeschoß ist hier verglast, das etwas überstehende zweite Geschoß und die Seiten des dritten haben die Steinverkleidung, während im dritten Geschoß zum Platz hin Balkone und wieder Glas mit Holzstreben unter einem kupfernen Dachstreifen sind.

Parallel zum Rathaus und links auch auf dessen Höhe endend verläuft ein wiederum dreigeschossiger Bürotrakt, der jedoch aus weißgetünchtem Backstein und durch Holz zusammengefaßten Fensterbändern besteht. Vor seinem Ende ist ein verglaster Flachbau mit einem Restaurant. Mit entsprechenden schlichten Fassaden zeigt sich das Stadshus auch zu den angrenzenden Straßen.

Zur Architektur kommt die Gestaltung des öffentlichen Raums, da die Fläche im Winkel der beiden Teile des Stadshus‘ zu einem großen Teil von einer geschwungenem Stufenanlage aus Beton eingenommen wird. Gleich dem Segment eines Amphitheaters hat sie an den Seiten Treppen und auf jeder der vier Stufen zwischen Flächen zum Gehen und Sitzen auch Beete, in denen vielerlei teils exotische Blumen, Sträucher und auf der obersten Stufe auch kleine Bäume wachsen.

War die Vorderseite noch streng und repräsentativ, wenn auch nie monumental, ist dieser Stufengarten eine spielerische und fließende Verbindung zwischen Platz und Gebäude.

So legt sich das Stadshus um das alte Rathaus herum und erweitert den Platz, macht ihn größer. Die Öffnung des Platzes, die durch seinen ältesten Bau, die Kirche, zufällig geschah, geschieht mit seinem neuesten Gebäude, dem Stadshus, bewußt und geplant. Es entsteht ein Raum mit deutlich eigenem Charakter, der aber zugleich eng mit dem eigentlichen Platz verbunden ist. Dasselbe gilt für das gesamte Stadshus. Es ist ein selbstbewußtes fortschrittliches Gebäude, das nicht im geringsten versucht, die Formen seiner älteren Nachbarn am Stora Torget aufzunehmen. In dessen Höhenverhältnisse paßt es sich geschickt ein, ohne sich unterzuordnen. Sein vorderer Teil ist fast so hoch wie das Rathaustürmchen und damit nach dem Kirchturm das höchste und neben ihm am stärksten vertikale Element des Platzes. Wo die Haube des Kirchturms mit ihren Portalen einen Raum bloß nachahmt, setzt das Stadshus einen wirklichen Versammlungssaal ganz nach oben, über alles andere auf dem Platz. Es macht den Menschen zum Größten.

Zugleich ist das Stadshus voller Respekt und Liebenswürdigkeit für seine Umgebung. Dank ihm erst steht das Rathaus frei und kann seine eigenartigen Formen zu allen Seiten zeigen. Und was die älteren Gebäude vielleicht allzu protestantisch Starres hatten, wird spätestens durch die Blumenpracht des Stufengartens gemildert.

Es paßt, daß auf der weiten Platzfläche neben einer Baumgruppe und dem Brunnen einige Schlüssel aus Beton mit Löchern in Form des Turms vom Stadtwappen stehen, denn der Beton, die fortschrittliche Architektur, war tatsächlich der Schlüssel zum Platz.

Auch ohne das Stadshus wäre Nyköpings Stora Torget ein glücklich gelungener kleiner Platz, doch mit ihm wird er zum großen Platz.

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