Neutralitätsarchitektur

An einem Gebäude in Linköping liest man ein Erbauungsjahr, das man in Deutschland und weiten Teilen Europas niemals lesen würde: 1945.

In dem Gebäude an einem kleinen Platz an der Ågatan (Flußstraße) sitzt heute die Arbeitgebervereinigung Svenskt Näringsliv (Schwedische Wirtschaft) und abgesehen von der Jahreszahl ist es wenig bemerkenswert: drei Geschosse und Walmdach, horizontale gelbe Backsteinverkleidung, in die aber zwischen den Fenstern breite vertikale braune Streifen gezogen sind.

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Um den in der Mitte gelegenen Eingang ist ein Rahmen aus grauem Stein und in den horizontalen Fensterzwischenräumen bilden die Kacheln einfache Muster.

An der Schmalseite sind weitere Muster und die genannte Jahreszahl, während rückwärtig ein entsprechender zweigeschossiger Teil ohne die Ornamentik in der Höhe etwa an die ältere Bebauung in der Repslagaregatan (Seiler- oder verwandter Reepschlägerstraße) anschließt.

Man könnte böswillig sagen, daß so eben die Architektur eines neutralen Staats, das heißt eines Staats, der bereit ist, sich mit beiden möglichen Siegern zu arrangieren, aussieht. Aber so direkt hängen Politik und Architektur nie zusammen. Eher ist das Gebäude einfach ein Beispiel konservativer Architektur, das auch zehn Jahre später oder früher hätte erbaut sein können, ohne dadurch irgendwie mehr oder weniger wertlos und unbedeutend zu werden. Es paßt auch gut, daß es ursprünglich eine Polizeistation war. Durch die Jahreszahl zumindest kann man spüren, was Neutralität heißt: Während anderswo das Schicksal der Menschheit entschieden wurde, baute Schweden Gebäude wie diese.

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