Poldi

Kladno ist eine Bergbaustadt ohne Bergbau, eine Industriestadt mit wenigen Resten von Industrie. Wenn es nicht so nah an Prag läge, hätte es wohl ernste Probleme. So muß es zumindest zu seiner Vergangenheit eine Haltung einnehmen.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung blendet es heute naheliegenderweise aus, doch aus der sozialistischen Zeit blieben einige Gedenktafeln an Gebäuden. Das gegenwärtige Kladno betreibt lieber einen gewissen Kult um den Wiener Kapitalisten Karl Wittgenstein. Dieser war Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Investor der Pražská železařská společnost (Prager Eisenindustrie-Gesellschaft) und betrieb die Gründung des neusten Stahlwerks, der Poldihütte. Es waren mithin also auch die Kladnoer Arbeiter, die es Karls Sohn Ludwig später erlaubten, als Lehrer, Architekt und Philosoph zu dilettieren, letzteres mit einigem Erfolg. Wichtiger für Kladno war, daß Karl die Fabrik nach seiner Frau Leopoldine Poldi nannte und ihr Gesicht zu deren Zeichen machte. In der sozialistischen Zeit, als eher die Rolle der Arbeiter als die der Kapitalisten betont wurde, hieß die Fabrik Spojené ocelárny n.p. (SONP – VEB Vereinigte Stahlwerke), behielt aber mindestens halboffiziell immer den hübschen Namen Poldi. Auch das Gesicht der Namenspatin blieb und wurde in seiner nunmehrigen Variante zum vielleicht hübschesten Logo, das je ein Industriebetrieb hatte: in einem aufrechten Oval ein Frauenkopf mit hochgestecktem Haar im nach links blickenden Profil und etwas oberhalb der Stirn ein schräger fünfzackiger Stern, alles in Linien stilisiert.

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Das Antlitz der Kapitalistengattin wurde als Logo des sozialistischen Betriebs gewissermaßen in Volkseigentum überführt. Noch immer empfängt es, auf einem dreieckigen Betonelement vor dem Werksgelände oder auf einer der Hallen, den Besucher, der dem Schriftzug Poldi auf einem Schornstein gefolgt sein mag. Vom Werk jedoch ist nicht mehr viel übrig.

Wie wichtig dem heutigen Kladno seine Geschichte ist, zeigt das Muzeum Poldi (Poldi-Museum). Es wurde 1975 als Muzeum SONP in einem dafür perfekt geeigneten Gebäude eingerichtet: der sogenannten Bachrovna (sinngemäß Bacher-Haus), in der Karl Wittgenstein eine Dienstwohnung für seine Besuche hatte und der Bergbaudirektor Gottfried Bacher lebte. Die große kommunistische Schriftstellerin Marie Majerová beschreibt das Gebäude und seinen Bewohner in ihrem Kladno-Roman „Siréna“ (Die Sirene) folgendermaßen (zur deutschen Übersetzung):

„Bohumír Bacher, důlní ředitel, bydlil ve vile s věží, která přípomínala středověký hrad; měla jakoby cimbuří a přístavbu, které se říkalo šermírna.

Bohumír Bacher měl kolem svého sídla vysoký plot a vrata mřízová z litého železa, výrobek Vojtěchovy huti, okázalý ve své výšce a nedobytnosti jako na výstavu.

Bohumír Bacher měl rozsáhlou anglickou zahradu, na dvoře americkou lednici a jeho roční příjmy se rovnaly položce všech příjmů havíře Jana Stádníka z Braškova, jenž pracoval v uhelně třicet let a vydělal za tu dobu třináct tisíc zlatých.“

(Gottfried [tschechisch Bohumír] Bacher, der Bergbaudirektor, wohnte in einer Villa mit Turm, die an eine mittelalterliche Burg erinnert; sie hatte nachgeahmte Zinnen und einen Vorbau, der Fechthalle hieß.

Gottfried Bacher hatte um seinen Sitz einen hohen Zaun und Gitterpforten aus Gußeisen, ein Erzeugnis der Vojtěch-Hütte, in seiner Höhe und Uneinnehmbarkeit prunkvoll wie für eine Ausstellung.

Gottfried Bacher hatte einen ausgedehnten englischen Garten, im Hof ein amerikanisches Gewächshaus und sein Jahreseinkommen entsprach dem Lebenseinkommen des Bergmanns Jan Stádník aus Braškov, der dreißig Jahre in der Zeche gearbeitet und in dieser Zeit dreizehntausend Gulden verdient hatte.)

Bacher und seine Villa wurden dadurch berüchtigt, daß er bei einer Streikdemonstration an Fronleichnam 1889 die Polizei in die Menge schießen ließ, wobei drei Kinder getötet wurden. Allen folgenden Verwaltern und anderen Nutzungen zum Trotz blieb die Villa so die Bachrovna. Über die Bedeutung des Streiks von 1889 für die Arbeiterbewegung in Kladno urteilt Majerová (zur deutschen Übersetzung):

„Kladno třetího června toho roku odložilo cechařské odznaky, které nosilo již jen ze setrvačnosti, a objevilo se na jevišti světa jako průmyslový dav. Průmysl a uhelná těžba za tří desítky let nepozorovatelně vytvářely nové lidi.“

(Kladno legte am dritten Juni dieses Jahres die Zunftabzeichen, die es nur noch aus Beharrlichkeit getragen hatte, ab und zeigte sich auf der Bühne der Welt als industrielle Masse. Unmerklich hatten Industrie und Kohlebergbau in drei Jahrzehnten neue Menschen geschaffen.)

Als diese neuen Menschen die Bachrovna später zum Museum machten, war das auch ein symbolischer Akt der Enteignung der Burgen des Kapitals und ihrer Aufhebung im Sozialismus. Die Villa sieht noch immer aus wie von Majerová beschrieben, aber kein Zaun versperrt mehr Blick oder Weg.

Egal, von wo man auf das nunmehrige Poldi-Museum zukommt, man sieht zuerst Denkmäler für die Opfer des Faschismus unter der Arbeiterschaft.

Kommt man von der Straße, steht links in der Grünfläche eine überlebensgroße Skulptur des Bildhauers Jiří Bradáček. Sie zeigt einen behelmten Arbeiter in einer unklaren Bewegung, die Aufbäumen wie Zusammensinken sein könnte, die rechte Hand zur Faust geballt über den Kopf erhoben, die linke auf der Brust. Kampf wie Tod sind im Stein dargestellt und auf dem niedrigen Sockel steht: „Kladenským hutníkům obětem druhé světové války“ (Den Kladnoer Hüttenarbeitern, die Opfer des zweiten Weltkriegs wurden).

Kommt man durch das Gelände vor der stadtseitig angrenzenden Poliklinik, sieht man vor dem Turm eine freistehende Betonwand, auf der eine vertikale schwarze Steintafel mit den Worten „Nezapomínáme oběti fašismu“ (Wir vergessen die Opfer des Faschismus nicht) und vielen Namen angebracht ist. Auf der Hälfte ihrer Höhe unterbricht sie ein vertikales beidseitig überstehendes Relieffeld, das rechts einen leidend, sterbend liegenden Mann und links eine helfend zu ihm gebeugte Frau zeigt.

Nach dieser Einleitung kommt man zum Museum. In den nunmehr kleineren Garten führt rechts neben der Villa ein niedriges ornamentiertes Eisentor, das ein bauliches Majerová-Zitat sein könnte.

Danach ist er unregelmäßig mäandernd von mit kleinem Abstand nebeneinandergesetzten Betonstelen umgeben.

So selbstbewußt die fortschrittliche Architektur der Tschechoslowakei hier Alt und Neu verbindet, so freundlich ist sie auch, da die Stelen nur so hoch sind, daß man gut in den Garten blicken kann. Alles Abweisende ist dieser Umrandung, die kein Zaun mehr ist, genommen.

Im Garten stehen einige riesige rostende Maschinenteile, während sich aus einem niedrigen Teil der Villa große, bis zum Boden reichende Fensterflächen und Türen öffnen, die auch in ein viel neueres Gebäude passen würden.

Das Muzeum Poldi könnte im weiteren alles über Kladno erzählen, was die Stadt von sich erzählt haben will. Könnte, denn es ist bereits seit 2006 geschlossen. Keiner tritt mehr durch die Glastüren in den Garten, keine Tafeln erklären mehr die Geräte. Kladno ist eine Industriestadt ohne Industrie und auch ohne Museum für diese Industrie.

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2 Gedanken zu „Poldi

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