Sowjetisches Gdynia

In Gdynia gibt es einen sowjetisch-polnischen Friedhof für die sowjetischen und polnischen Soldaten, die die Stadt befreiten. Im Vorort Redłowo erstreckt er sich an der Straße Legionów und ein Stück den Hügel hinauf. Auf ihm ruhen die Soldaten zweier Armeen und entsprechend hat er zwei Eingänge.

Der erste ist der sowjetische Eingang. Nach nur wenigen flachen Stufen wird man empfangen von einer großen Bronzeplastik in der Wiese links hinten und einem Denkmal in der Mitte der Wegfläche.

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Die Plastik zeigt eine überlebensgroße und übertrieben realistisch dargestellte fortschreitende Frau, die eine mit einem Band über ihrer Schulter befestigte Fahne trägt.

Sie gehört nicht hierher, sondern stand früher auf einer hohen runden Stele im Stadtzentrum. Das Denkmal besteht aus je zwei übereinandergesetzten Steinen, deren erstes Paar zum Betrachter zeigt, während das zweite nach rechts gerichtet ist.

Im oberen linken Stein ist ein fünfzackiger Stern im Relief und auf den anderen verteilen sich die Worte einer russischen Inschrift:

„Вечная память героям павшим смертью храбрых в боях за освобождение польского народа от гитлеровских захватчиков“  (Ewiges Andenken den Helden, die in den Kämpfen für die Befreiung des polnischen Volks von den hitlerfaschistischen Eindringlingen den Tod der Tapferen gefallen sind)

Der zweite Teil des Denkmals ist wie ein Wegweiser hinein in den sowjetischen Teil des Friedhofs, der sich dann in mehreren Reihen parallel zur Straße hinzieht.

Auf den Gräbern sind fünfzackige Sterne mit Namen, Rang und Lebensdaten der Gefallenen.

Sie stehen auf den unteren Spitzen und wirken in ihrer unklaren dunklen Farbe metallisch, sind jedoch tatsächlich aus Kunststoff. Der Hauptweg führt dann auf eine hohe Stele aus glattem silbernen Stahl zu, doch die steht bereits im polnischen Teil des Friedhofs.

Diesen kann man auch durch den zweiten, den polnischen Eingang betreten.

Rechts von ihm steht ein ähnlicher Stein wie auf dem sowjetischen Teil mit der polnischen Aufschrift: : „Cmentarz żołnierzy radzieckich i polskich poległych w latach 1939-1945“ (Friedhof der in den Jahren 1939-1945 gefallenen sowjetischen und polnischen Soldaten), wobei das „radzieckich i“ (sowjetischen und) herausgemeiselt ist. Eine lange flache Treppe führt parallel zur Straße und nach links abgeschirmt von Nadelsträuchern etwa hinauf. Danach öffnet sich der Blick auf den polnischen Teil des Friedhofs, dessen Höhepunkt am rechten Rand die silberne Stele bildet.

Nach weiteren Stufen ist man auf dem vom sowjetischen Teil heranführenden Weg. Dahinter erstreckt sich eine breite Treppenanlage, in der vor der Stele eine schräge Tafel aus glattem schwarzen Stein mit weißem polnischem Adler und der Inschrift „Bohaterskim obrońcom Gdyni poległym w walce z hitlerowskim najeźdźcą 1939-1945“ (Den heldenhaften Verteidigern von Gdynia, die im Kampf gegen die hitlerfaschistischen Eindringlinge gefallen sind) ist. Glatter Stein bildet auch ein unregelmäßiges Muster im Boden um die Stele.

Die weite zentrale Fläche wird links im Schatten großer Birken von freistehenden Wänden mit langen Inschriften und einer Liste der Gefallenen begrenzt, während rechts hinter der Stele eine große Rotbuche steht. Der polnische Friedhof zieht sich dann als weites Halbrund aus vielen Reihen mit Grabsteinen den Hang hinauf.

Auf den einzelnen Gräbern sind Steine in der Form von Wappenschildern, auf denen Namen, Lebensdaten und Rang der Gefallenen und oben ein Ordenskreuz mit den Worten „Na polu chwały“ (Auf dem Feld des Ruhms) sind.

Gdynias sowjetisch-polnischer Friedhof besteht somit aus zwei deutlich verschiedenen Teilen. Der sowjetische Teil erstreckt sich bandartig entlang der Straße, während der polnische Teil quer dazu hügelan verläuft und halbrund abschließt. Zugleich sind die beiden Teile vielfach miteinander verbunden. Nicht nur führt der Hauptweg des sowjetischen Teils zur zentralen Fläche des polnischen, sondern auch weiter oben stößt das Halbrund der polnischen Wege wieder auf die geraden sowjetischen, sie fließen gleichsam ineinander.

Das komplizierte Zusammenkommen verschiedener Teile auf dem Friedhof entspricht wohl der Komplexität des gemeinsamen Kampfs der sowjetischen und polnischen Armeen und mehr noch den verschiedenen Erinnerungskulturen beider Staaten. Wenn auch ein Ganzes entsteht, wirken manche Details geradezu disparat. Die sternförmigen sowjetischen Grabsteine etwa wirken unendlich viel moderner als die biederen polnischen Wappenschilder, was man umso stärker merkt, wenn man sie von der anderen Seite betrachtet, die nur bei den polnischen Steinen eine unschöne Rückseite ist.

Der Kern zum Verständnis des Doppelfriedhofs ist die bewußt ambivalente Gestalt seines höchsten und markantesten Elements, der Stele.

Aus zwei zueinander zeigenden Halbkreisformen aus Edelstahl, die oben zu beiden Seiten gleichsam aufklappen, zusammengesetzt, ist sie ist recht eigentlich gar nichts, damit jeder darin alles sehen kann. Für den konservativen Teil der polnischen Bevölkerung, der seit Mitte der Fünfziger nicht mehr ansatzweise bekämpft wurde, ist sie ein Kreuz. Für den beiläufigen nichtreligiösen Betrachter ist sie eine abstrakte Form, irgendwie hoch, heroisch vielleicht. Für, nun, für vielleicht niemanden als den, der das wirklich sehr will, ist sie ein Hammer, genauer gesagt der Hammer zur Sichel, die der Grundriß des Friedhofs, gerade und halbrund, bildet.

Es gehört kein kleines Geschick dazu, so viele widersprüchliche Bedürfnisse in einem einzigen Friedhofsensemble, das trotz allen Spannungen harmonisch bleibt, zu befriedigen. Das ist die Stärke wie die Schwäche des sowjetisch-polnischen Friedhofs von Gdynia.

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2 Gedanken zu „Sowjetisches Gdynia

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