Beton bei Reda

In unseren Breiten ist die Hand des Menschen überall zu sehen und oft ist das von ihr Geschaffene auch das Schönste, was es zu sehen gibt.

Die Landschaft östlich von Reda etwa, einem Ort nördlich von Gdynia, ist denkbar reizarm. Keine Hügel mehr, noch kein Meer, alles flach, weite offene Felder, einige verlorene Baumgruppen, letzte Häuser, das Panorama des Orts aus Heizkraftwerk und im Bau befindlichen Wohnhochhaus immer ferner.

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Vom Wasserwerk führt eine Straße quer nach Südosten, eine Zufahrtstraße bloß, die nicht einmal einen Namen hat. Hier ist die Weite der Landschaft weniger drückend, es gibt mehr Bäume und Büsche, neben ihr schlängelt sich ein Bach.

Diese Straße besteht ganz aus quergelegten rechteckigen Betonplatten. Der bauliche Aufwand, den das darstellt, deutet auf ihre Wichtigkeit hin, wobei nicht klar ist, worin die bestehen könnte. Außer dem Wasserwerk an ihrem Anfang und in regelmäßigen Abständen angeordneten umzäunten Tiefbrunnen gibt es bloß ein einziges Haus, das sich zwischen hohen Büschen versteckt.

Angesichts des nicht vorhandenen Autoverkehrs scheinen auch die ebenfalls betongepflasterten Ausweichbuchten eher unnötig, doch sie werden offenbar gerne für Verkehr anderer Art in parkenden Autos genutzt.

Ebenso sind die Spaziergänger, Radfahrer und Jogger aus Reda und Umgebung dankbar für den festen und dauerhaften Betongrund der Straße und es kümmert sie nicht, daß sie nicht in erster Linie für sie gebaut wurde. Die Straße verläuft fast gerade und führt nirgendwohin. Kurz nach einer kreuzenden Straße endet sie deutlich vorm Dörfchen Kazimierz, wo dann auch wieder Hügel sind.

Wo die landschaftlichen Reize fehlen, wird das Menschengemachte selbst zum Reiz, also die Straße, der Beton. Es sind auch wahre Miniaturlandschaften, die sich auftun, wenn man zu Boden blickt. Keine der Betonplatten gleicht der anderen. Meist liegen sie auch nach über dreißig Jahren noch regelmäßig aneinander, aber manchmal wurde eine durch die Zufälligkeiten der Bodenbeschaffenheit deutlich verschoben.

Oft gibt es kleinere Löcher, die aus Jahrzehnten der Benutzung resultieren, aber manchmal größere, die das Stahlgerüst freilegen und nur mit Qualitätsmängeln des Ausgangsprodukts zu erklären sind.

Manchmal, aber durchaus nicht immer, sind die Platten in der Mitte leicht gebrochen, was sowohl mit den Bodengegebenheiten als auch mit Qualitätsschwankungen in der Produktion zu tun haben kann.

An den Rändern greift oft die Natur auf den Beton aus, zähe Gräser wachsen auf kleinen Flecken Erde. Auch bläuliche Flechten ziehen sich an manchen Stellen über das Grau.

Das sind die Veränderungen der Zeit, aber als die Straße neu war, waren ebenfalls nicht alle ihrer Platten gleich. Einige haben horizontale Linienstrukturen,

andere vertikale.

Die schönsten haben horizontale Wellenlinien, mal mehr,

mal weniger steil,

und werden gleichsam zu abstrakten Kunstwerken, mindestens so t-shirtgeeignet wie Joy Division-Schallplattencover. Und schließlich sind da noch Zahlen, manchmal Buchstaben im Beton vieler der Platten.

Irgendetwas Technisches, ahnt man, und nach und nach wird klar, daß es sich um Datumsangaben handelt.

Ende 1984, Anfang 1985 wurden die Platten demnach in einem Betonwerk hergestellt. Ganz prosaisch mithin, gebraucht sicher, um in irgendwelchen lange verlorenen Unterlagen festgehalten zu werden. Aber diese Zahlen im Beton sind noch etwas anderes: die Unterschriften von Künstlern auf ihren Werken. Die Arbeiter, die sie mit leichtem Strich in den Beton schrieben, wußten sicherlich nicht, daß sie ihn signierten. Es sind schließlich Unterschriften bestimmt dazu, zu verschwinden oder übersehen zu werden. Die Arbeiter wußten vielleicht nicht einmal, daß sie die Schöpfer der Welt sind. Ihr Werk jedoch ist alles.

Der Mensch setzte selten Unterschriften auf die Welt, die er sich schuf. Angemessen vielleicht, daß es gerade hier anders ist, denn hier ist die menschliche Schöpfung alles. Ohne diese Betonstraße, also ohne die namenlosen Arbeiter eines Betonwerks, gäbe es diese Landschaft östlich von Reda nicht.

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