Der Taubenerker

Auch in Poznań gibt es Tauben. Auch in Poznań halten sich die Tauben gerne auf dem zentralen Platz, dem Stary Rynek (Alten Markt), auf. Die Poznańer Tauben sind oft braun oder haben starke Braunanteile im ansonsten grauen Gefieder, was auf eine starke Vermischung mit Zuchttauben hindeutet, die unzählige Taubengenerationen und vielleicht sogar Menschengenerationen zurückliegen mag.

  

Anders als in vielen anderen Städten sind die Tauben auf Poznańs Stary Rynek auch künstlerisch repräsentiert. Damit sind keine Darstellungen von Friedenstauben, die es auch geben mag, gemeint, denn deren pathetische Reinheit hat mit den Stadttauben nichts zu tun. Nein, hier sieht man auf einem kleinen Erker, der schräg aus einem der Häuser des Karrees in der Mitte des quadratischen Platzes ragt, ganz normale Tauben. Es ist ein Sgraffito, weiß auf Schwarz, einfache, reduzierte Formen, größtenteils Ornamentik in rechteckigen Flächen.

An der linken Seite des Erkers sind in einem schmalen vertikalen Streifen neben einem schmalen vertikalen Fenster mehrere Tauben in verschiedenen Posen übereinander gezeigt. Vorne ist unter dem Fenster ein Taubenpaar bei seiner natürlichen Hauptbeschäftigung zu sehen: der pickenden Essenssuche auf dem Boden, wobei das Essen hier abstrakte Dreieckeelemente sind. Die Tauben Poznańs und der ganzen Welt würden sich darin wiedererkennen, wenn sie das könnten. Auf der rechten Seite schließlich sieht man eine Frau, die eine Hand zu einem Vogel vor einem Käfig ausstreckt.

Der Vogel ist eher keine Taube und man muß keine Taube sein, um die Bedeutung dieser Szene rätselhaft zu finden. Aber das macht nichts, die Tauben genügen ja.

Der von Zbigniew Bednarowicz gestaltete Taubenerker ist typisch für die nach Kriegszerstörungen wiederaufgebauten oder restaurierten Gebäude am Stary Rynek. Klar zu sehen ist Bednarowicz‘ Stil an den farbenfroh verputzten Häuschen des mittigen Karrees, aber auch viele der den Platz umgebenden Häuser haben verwandte Wandmalereien von anderen Künstlern.

Auf den ersten Blick könnte man diese einfachen, etwas naiven Sgraffitodarstellungen für Werke der Renaissance halten, doch auf den zweiten Blick erkennt man viele Details, die in eine ganz andere Zeit gehören. Eine Ente wird zum Wappentier, an einer polnischen Wissenschaftlern gewidmeten Fassade fehlt Maria Curie-Skłodowska (international besser bekannt als Marie Curie) nicht, überall ist auch viel Abstraktes und Asymmetrisches.

Alles ist zu nett und liebevoll, zu wenig um Würde und Repräsentation bemüht, um wirklich in die Zeit zu passen, in die der oberflächliche Blick sie einordnen will.

Was man auf den Fassaden des Stary Rynek hat, sind nicht die Zeugnisse ferner Jahrhunderte, sondern eine Galerie der polnischen Kunst der fünfziger Jahre. Diese Kunst ist meist reduziert realistisch, manchmal abstrakt und immer nett und harmlos. Als sozialistischen Realismus kann man sie schwer bezeichnen, da zwar die Form hinreichend realistisch, aber der Inhalt nie sozialistisch ist. Eine Ausnahme bildet höchstens das Relief über dem Erdgeschoß des Gebäudes Stary Rynek 88. Seine weißen Figuren scheinen klassizistisch, zeigen aber Szenen des Wiederaufbaus. Arbeiter, Künstler mit einem korinthischen Kapitell, zuschauende Spaziergänger und in der Mitte eine Frau und ein Mann bei der Diskussion von Plänen.

Mit diesem Werk von Julian Boss-Gosławski erklärt der Platz die Genese seiner heutigen Form selbst.

Ob das alles gut und richtig so ist, ob es anders hätte sein können oder müssen, ist eine schwierige Frage. Die Kunst jedenfalls ist nur einer und nicht der wichtigste der Aspekte des Stary Rynek. Sie gehört zu ihm wie die Tauben. Daß beide im Taubenerker auf so glückliche Art zusammenkommen, ist nicht wenig.

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