St. Stephen’s Green Shopping Centre

Man kann dieses Einkaufszentrum in Dublin ebensoschwer übersehen wie den Park, nach dem es benannt ist, eher sogar noch weniger. Denn wenn man ans Ende der Grafton Street (Graftonstraße), einer der Haupteinkaufsstraßen des südlichen Stadtzentrums, gelangt, weiß man vielleicht nicht, daß die Bäume vor einem zum größten innerstädtischen Park Dublins gehören, aber daß der riesige Eckbau eine seiner größten Merkwürdigkeiten ist, merkt man auf den ersten Blick.

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Um die Obergeschosse seiner Parkseite und der abgerundeten Ecke legen sich unzählige Rundbögen mit korinthischen Säulchen und ornamentierten Geländern aus weißem Blech. Ihre Formen haben etwas unklar Südliches, Maurisches vielleicht. Obwohl die Bögen Fensteröffnungen nachahmen und teils sogar Blumenkästen vor ihnen hängen, haben sie mit dem eigentlichen verglasten Gebäude nichts zu tun. Entsprechen sie zuerst noch den Geschossen im Inneren, so hängen die obersten Geländer zusammenhangslos vor dem höheren Glasdach. Es handelt sich also um eine Art historistische Vorhangfassade. Ganz oben wird die Ecke von einer großen runden Glaskuppel abgeschlossen.

Was auch immer man nach diesem Äußeren im Inneren erwartete, es übertrifft diese Erwartungen.

Ein weiter Innenraum, den auf drei Geschossen Ladengalerien rahmen, öffnet sich vor einem und auch er ist in bizarren historistischen Formen gestaltet. Von den Decken hängen Leuchter, an Wänden und laternengleich auf Pfählen sind Kugelleuchten. Auf der Fläche des Erdgeschosses erstrecken sich Ladenpavillons mit unzähligen gläsernen Zeltdächern. Das zweite Geschoß hat ornamentierte Geländer, halbrunde Balkone, Säulen. Im obersten Geschoß, das verglast statt offen ist, sind Rundbögenpaare.

Aber alles ist immer nur aus weißem Metallblech, zu dem hier ein blasser grüner Putz kommt.

Über den Innenraum spannt sich ein weites Glasdach. Es hat eine ganz einfache Sattelform, doch sein offenliegendes Stahlgerüst bildet große nach unten geöffnete Halbkreise. Im mittleren von diesen, auf der Hälfte des Innenraums, hängt eine riesige Uhr mit durchsichtigem Zifferblatt und Zeigern und lateinischen Ziffern in blassem Gold.

Diese Uhr ist es, die das Innere des St. Stephen’s Green Shopping Centre bestimmt. Sie ist der Mittelpunkt. Ist alles übrige bereits bizarr, so wird es durch die Uhr geradezu schwindelerregend. Kann man über die historistischen Formen nur lachen, so muß man angesichts dieser Uhr staunen.

Man kann vieles gegen diese Architektur sagen, aber was man ihr nicht vorwerfen kann, sind Halbheiten oder Inkonsequenz. Sie treibt ihr ästhetisches Programm bis zum Äußersten. Das spürt auch ein jeder Besucher und zückt auf der freischwebenden Treppe an der Eingangsseite unwillkürlich das Telefon, um die Uhr oder besser noch sich selbst mit der Uhr zu photographieren.

Vielleicht muß man daher auch gar nicht so viel gegen diese Architektur sagen und kann sie einfach als vollendeten Ausdruck der achtziger Jahre hinnehmen. Es ist der Versuch einer neoviktorianischen Architektur, der letztlich folgenlos blieb, der Versuch einer Antwort auf die nie gestellte Frage, wie ein Einkaufszentrum im Jahre 1897 ausgehen hatte. Daß die historistischen Formen lächerlich und reaktionär sind, versteht sich von selbst, aber dafür ist der Innenraum weit großzügiger als in neueren, ob nun geschmackvoller oder noch reaktionärer gestalteten, Einkaufszentren.

Die Milde gegenüber dem St. Stephen’s Green Shopping Centre wird umso leichter, als es, obwohl erst 1988 eröffnet, einen etwas müden, abgehalfterten Eindruck macht. Die wirklich großen Marken sind nicht hier, sondern draußen auf der Grafton Street zu finden. Insbesondere im obersten Geschoß reihen sich obskurste Läden, an denen wohl nur Leute vorbeikommen, die das wirklich wollen oder die den Weg zu den Toiletten suchen. Draußen wurden die Mieten wohl zu teuer, so daß man nun im Einkaufszentrum die kleinen Geschäfte findet, die angeblich eine lebendige und authentische Stadtkultur ausmachen – ein Phänomen, das auch in Frankfurts Zeilgalerie seligen Andenkens zu beobachten war. Das St. Stephen’s Green Shopping Centre wirkt dadurch wie ein seltsamer, aber auch irgendwie sympathischer Loser, der selbst nicht mehr weiß, wie er dort mitten im Zentrum statt an einer Ausfallstraße gelandet ist.

Seinem langsamen Verfall verdankt das Einkaufszentrum auch seinen schönsten Ort: Chief Chang’s Buffet im großen Kuppelraum in der Ecke. Früher war hier offenbar ein griechisches Restaurant, wie es eine Statue und die Imitationen abgebrochener Säulen um die Stützen bezeugen, nun ist der ganze Raum von billigen Tischen mit Sonnenschirmen eingenommen.

Das Essen ist von so erstaunlich geringer Qualität, daß All you can eat nicht viel ist, aber dafür entschädigt der Raum selbst. Während draußen die weißen Bögen hängen, erinnern innen Glas und große gelbe Belüftungsrohre an das Centre Pompidou in Paris oder die Tržnica in Bratislava. Und durch das Glas hat man einen weiten Blick über St. Stephen’s Green oder hinab auf den Triumphbogen bei seinem Eingang und das städtische Leben. Hier oben unter der Glaskuppel wird das Einkaufszentrum endlich seinem Namen gerecht und man muß es endlich nicht mehr sehen.

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