Der tschechoslowakische Kompromiß

Die Plastik der sozialistischen Tschechoslowakei wollte abstrakt sein, wie alle tschechoslowakische Kunst, mußte aber, jedenfalls, wenn sie an die exponiertesten Orte wollte, zumindest irgendwie als sozialistischer Realismus einzuordnen sein. Als Kompromiß entstand oft keine Mischform, keine gemäßigte Abstraktion und kein abstrahierter Realismus, sondern ein Nebeneinander. Realistische Plastiken wurden neben etwas Abstraktes gestellt.

Das prominenteste Beispiel ist ein Werk von Vincent Makovský, das meist „Nový věk“ (Neues Zeitalter), aber auch manchmal „Atomový věk“ (Atomzeitalter) genannt wird und vor dem Parlament in Prag

Aus Autorenkollektiv: Praha, její krásy, Praha 1985 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

sowie der Messe in Brno steht.

Aus Budík, Miloš/Sámková, Eva: Brno v 80 barevných fotografiích, Praha 1975

Zwischen einer Frau in einem beinahe antikisierenden Kleid, die Blumen hält, und einem Mann in einem langen Kittel, der zusammengerollte Pläne hält, ist da ein Knäuel ineinander verschränkter Streben, das an Strahlen oder eine Explosion denken lassen kann, aber an sich nichts ist als eben eine abstrakte Form. Mit einem beliebigen Namen interpretiert könnte es auch ein selbständiges Kunstwerk sein. Hier aber flankieren es die beiden völlig realistischen und, wenn man will, sozialistischen Figuren.

Aus Ehm, Josef: Praha, Praha 1977

Ein anderes Beispiel ist die Plastik des Památník československo-sovětského přátelství (Denkmal der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft) von Rudolf Svoboda in Plzeň. Links steht der abstrakte Teil, eine hohe stählerne Stele, auf der eine eckig gefaltete Form horizontal sitzt, rechts der realistische Teil, eine bis zu den Schnallenschuhen detaillierte Bronzeplastik eines Mädchens. Von ihrem rechten Arm wächst etwas nach links zum abstrakten Teil hinüber, nimmt die Faltenformen auf, verbindet beide Teile. Man kann in den abstrakten Teilen somit eine Fahne erkennen, aber sie sind eben nicht eindeutig eine Fahne.

Das ist der tschechoslowakische Kompromiß: für die repräsentativsten Kunstwerke dürfen die Künstler so abstrakt arbeiten, wie sie wollen, solange nur auch ein realistischer Teil dabei ist. Ob mit diesem Kompromiß nun jeder oder niemand zufrieden ist, sei dahingestellt. Wichtig ist, daß es etwas völlig anderes ist als in der DDR, wo sich die Künstler von einer gänzlich realistischen Basis manchmal zu Abstraktem vorarbeiteten, das aber immer viel eindeutiger zu interpretieren war.

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Ein Gedanke zu „Der tschechoslowakische Kompromiß

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